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  Apologia der Konfession
 
 Aus dem Latein verdeutscht durch Justus Jonas

 

Vorrede.

Philippus Melanchthon dem Leser.

1] Als das Bekenntnis unserer gnädigsten und gnädigen Herren, des Kurfürsten zu Sachsen und der Fürsten diese Teils, zu Augsburg öffentlich vor kaiserlicher Majestät und den Ständen des Reichs ist verlesen worden, haben etliche Theologi und Mönche wider dasselbe Bekenntnis und Konfession eine Antwort und Verlegung [Widerlegung] gestellt, welche dann kaiserliche Majestät hernach vor Ihrer Majestät, den Kurfürsten, Fürsten und Ständen des Reichs verlesen lassen, und hat begehrt, daß unsere Fürsten aus solche Meinung forthin wollten zu glauben, auch zu lehren und zu halten willigen.

2] Dieweil aber die unsern angehört, daß in solcher Antwort der Theologen viele Artikel verworfen, welche sie ohne Beschwerung der Gewissen und mit Gott nicht könnten lassen verwerfen, haben sie der Antwort oder [der] Konfutation Abschrift gebeten, damit sie eigentlich sehen und erwägen möchten, was die Widersacher zu verdammen sich unterstünden, und desto richtiger aus ihre Ursache und vorgebrachten Gründe wieder antworten möchten.

Und in dieser grossen, hochwichtigsten Sache, welche nicht Zeitliches, sondern eine gemeine Religion, aller Heil und Wohlfahrt der Gewissen und wiederum auch grosse Fährlichkeit und Beschwerung derselben belangt, haben es die unsern gewiss dafürgehalten, daß die Widersacher solche Abschrift ohne alle Beschwerung ganz willig und gern überreichen oder auch uns anbieten würden.

Aber die unsern haben solches gar nicht anders erlangen mögen denn mit fast [sehr] beschwerlichen angehefteten Verpflichtungen und Konditionen, welche sie in keinem Weg haben willigen mögen.

3] Danach ist eine Unterhandlung und etliche Wege der Güte oder Sühne vorgenommen, da sich denn die unsern aufs höchste erboten, alles gern zu tragen, zu dulden und zu tun, was ohne Beschwerung der Gewissen geschehen könnte. 4] Aber die Widersacher haben darauf allein hart gestanden, daß wir in etliche öffentliche Missbräuche und Irrtümer haben willigen sollen, und so wir das nicht tun könnten noch wollten, hat die kaiserliche Majestät wider begehrt, daß unsere Herren und Fürsten willigen sollten, so zu glauben, so zu halten, wie der Theologen Konfutation lautet, welches unsere Fürsten ganz und gar abgeschlagen [haben].

Denn wie sollten Ihre Kur= und Fürstlichen Gnaden in so hoher, allerwichtigsten Sache, vieler und ihre eigene Seele und Gewissen belangend, in eine Schrift willigen, die man ihnen nicht übergeben noch zu überlesen vergönnen oder überreichen wollte, sonderlich so sie in der Verlesung angehört, daß solche Artikel verworfen waren, die sie nicht möchten noch könnten nachgeben, sie wollten denn öffentlich wider Gott und Ehrbarkeit handeln?

5] Derhalben Ihre Kur= und Fürstlichen Gnaden mir und andern befohlen, eine Schutzrede oder Apologie unsers ersten Bekenntnisses zu stellen, in welcher der kaiserlichen Majestät Ursachen angezeigt würden, warum wir die Konfutation nicht annehmen, und warum dieselbe nicht gegründet wäre. 6] Denn ob man uns wohl Abschrift und Kopie über unser Flehen, Bitten und höchstes Ansuchen versagt, so hatten die unsern doch in Verlesung der Konfutation die Summa der Argumente fast in Eile und als im Fluge gefangen und aufgezeichnet, darauf wir die Apologie dasmal, so uns Kopie endlich versagt, stellen mussten. 7] Dieselbe Apologie haben die unsern zuletzt, als sie von Augsburg Abschied genommen, der kaiserlichen Majestät überantwortet, damit Ihre Majestät verstehen möchte, daß es ganz grosse, hochwichtige Ursache hätte, warum wir die Konfutation nicht hätten mögen willigen. Aber die kaiserliche Majestät hat die überantwortete Apologie geweigert anzunehmen.

8] Danach ist gleichwohl ein Dekret ausgegangen, darin die Widersacher sich mit Ungrund rühmen, daß sie unser Bekenntnis aus der Heiligen Schrift verlegt [widerlegt] haben.

9] Dagegen aber hat jedermann unsere Apologie und Schutzrede, daraus er wird sehen, wie und was die Widersacher geurteilt haben. Denn wir haben es hier eigentlich erzählt, wie es ergangen, und nicht anders, weiss Gott! So haben wir auch hier klar angezeigt, wie sie etliche Artikel wider die öffentliche, helle Schrift und klare Worte des Heiligen Giestes verdammt haben, und dürfen nimmermehr mit der Wahrheit sagen, daß sie einen Tüttel aus der Heiligen Schrift wider uns verantwortet hätten.

10] Wiewohl ich nun anfänglich zu Augsburg diese Apologie hatte angefangen mit Rat und Bedenken etlicher anderer, so habe ich doch jetzund, so dieselbe in Druck ausgehen sollte, etwas dazugetan. Darum schreibe ich auch hier meinen Namen dran, damit niemand klagen möge, das Buch sei ohne Namen ausgegangen.

11] Ich habe mich bisher, soviel mir möglich gewesen, geflissen, von christlicher Lehre nach gewöhnlicher Weise zu reden und zu handeln, damit man mit der Zeit desto leichtlicher zusammenrücken und sich vergleichen könnte, wiewohl ich diese Sache mit Fug weiter von ihrer gewöhnlichen Weise hätte führen mögen [können].

12] Die Widersacher handeln aber diese Sache dagegen also unfreundlich, daß sie sich genug merken lassen, daß sie weder Wahrheit noch Einigkeit suchen, sondern allein unser Blut zu saufen.

13] Nun habe ich auf diesmal auch noch aufs gelindeste geschrieben; wo aber etwas Geschwindes in diesem Buche ist, will ich solches nicht wider kaiserliche Majestät oder die Fürsten, welchen ich gebührliche Ehre gern erzeige, sondern wider die Mönche und Theologen geredet haben. 14] Denn ich habe erst neulich die Konfutation bekommen recht zu lesen und merke, daß viel darin so gefährlich, so giftig und neidisch geschrieben, daß es auch an etlichen Orten fromme Leute betrügen möchte.

15] Ich habe aber nicht alle zänkischen, mutwilligen Ränke der Widersacher gehandelt; denn da wären unzählige Bücher von zu schreiben. Ihre besten, höchsten Gründe habe ich gefasst, daß bei hohen und niedern Ständen, bei den jetzigen und unsern Nachkommen, bei allen eingebornen Deutschen, auch sonst aller Welt, allen fremden Nationen ein klar Zeugnis vor Augen sei und ewig stehen bleibe, daß wir rein, göttlich, recht von dem Evangelio Christi gelehrt haben. 16] Wir haben wahrlich nicht Lust oder Freude an Uneinigkeit; auch sind wir nicht so gar stock= oder steinhart, daß wir unsere Fahr [Gefahr] nicht bedenken. Denn wir sehen und merken, wie die Widersacher in dieser Sache uns so mit grossem Gift und Bitterkeit suchen und bis hieher gesucht haben an Leib, Leben und allem, was wir haben. Aber wir wissen die öffentliche göttliche Wahrheit, ohne welche die Kirche Christi nicht kann sein oder bleiben, und das ewige heilige Wort des Evangelii nicht zu verleugnen oder zu verwerfen.

Derhalben, so wir um des Herrn Christi und um dieser allerhöchsten, wichtigsten Sache willen, an welcher der ganze heilige christliche Glaube, die ganze christliche Kirche gelegen ist, noch grossern Widerstand, Fahr oder Verfolgung warten oder ausstehen sollen, wollen wir in so ganz göttlicher, rechter Sache gern leiden und vertrösten uns des gänzlich, sind’s auch gewiss, daß der heiligen, göttlichen Majestät im Himmel und unserm lieben Heiland Jesu Christo dieses wohlgefällt, und nach dieser Zeit werden Leute sein und unsere Nachkommen, die gar viel anders und mit mehr Traün von diesen Sachen urteilen werden.

17] Denn es können die Widersacher selbst nicht verneinen noch leugnen, daß viele und die höchsten, nötigsten Artikel der christlichen Lehre, ohne welche die christliche Kirche samt der ganzen christlichen Lehre und Namen würde vergessen und untergehen, durch die unsern wieder an Tag gebracht seien. Denn mit was zänkischen, vergeblichen, unnützen, kindischen Lehren viele nötige Stücke vor wenig Jahren bei Mönchen, Theologen, Kanonisten und Sophisten unterdrückt gewesen, will ich hier diesmal nicht erzählen; es soll noch wohl kommen.

18] Wir haben, Gott Lob! Zeugnis von vielen hohen, ehrlichen, redlichen, gottesfürchtigen Leuten, welche Gott von Herzen danken für die unaussprechlichen Gaben und Gnaden, daß sie in den allernötigsten Stücken der ganzen Schrift von uns viel klarere, gewissere, eigentlichere, richtigere Lehre und Trost der Gewissen haben, denn in allen Büchern der Widersacher immer [je] gefunden ist.

19] Darum wollen wir, so die erkannte helle Wahrheit je mit Füssen getreten wird, diese Sache hier Christo und Gott im Himmel befehlen, der der Waisen und Witwen Vater und aller Verlassenen Richter ist; der wird (das wissen wir je fürwahr) diese Sache urteilen und recht richten. Und du, Herr Jesu Christ, dein heiliges Evangelium, deine Sache ist es; wollest ansehen so manch betrübt Herz und Gewissen und deine Kirchen und Häuflein, die vom Teufel Angst und Not leiden, erhalten und stärken deine Wahrheit! Mache zuschanden alle Heuchelei und Lügen und gib also Frieden und Einigkeit, daß deine Ehre vorgehe und dein Reich wider alle Pforten der Hölle kräftig ohne Unterlass wachse und zunehme!
 
 

Apologia der Konfession.

verdeutscht aus dem Latein durch Justus Jonas.

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Artikel I. Von Gott.

1] Den ersten Artikel unsers Bekenntnisses lassen ihnen die Widersacher gefallen, in welchem angezeigt wird, wie wir glauben und lehren, daß da sei ein ewiges, einiges, unzerteiltes göttliches Wesen und doch drei unterschiedene Personen in einem göttlichen Wesen, gleich mächtig, gleich ewig, Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist. 2] Diesen Artikel haben wir allzeit also rein gelehrt und verfochten, halten auch und sind gewiss, daß derselbe so starken, guten, gewissen Grund in der Heiligen Schrift hat, daß [es] niemand möglich, den zu tadeln oder umzustossen. Darum schliessen wir frei, daß alle diejenigen abgöttisch, Gotteslästerer und ausserhalb der Kirche Christi seien, die da anders halten oder lehren.
 
 

Artikel II. (I.) Von der Erbsünde.

1] Den andern Artikel, von der Erbsünde, lassen ihnen auch die Widersacher gefallen, doch fechten sie an, als haben wir’s nicht recht getroffen, da wir gesagt, was die Erbsünde sei, so wir doch zufällig allein des Orts davon geredet. Da wird alsbald im Eingang die kaiserliche Majestät befinden, daß unsere Widerwärtigen in dieser hochwichtigen Sache oft gar nichts merken noch verstehen, widerum auch oft unsere Worte böslich und mit Fleiss uns verkehren oder je zu Missverstand deuten. Denn so wir aufs allereinfältigste und klärste davon geredet, was die Erbsünde sei oder nicht sei, so haben sie aus eitel Gift und Bitterkeit die Worte, so an ihnen selbst recht und schlecht geredet, mit Fleiss übel und unrecht gedeutet, Denn also sagen sie: "Ihr sprecht, die Erbsünde sei dieses, daß uns ein solcher Sinn und Herz angeboren ist, darin keine Furcht Gottes, kein Vertraün gegen Gott ist, das ist je eine wirkliche Schuld und selbst ein Werk oder actualis culpa; darum ist’s nicht Erbsünde."

2] Es ist leichtlich zu merken und abzunehmen, daß solche cavillatio von Theologen, nicht von des Kaisers Rat herkommt. Wiewohl wir nun solche neidische, gefährliche, mutwillige Deutungen wohl wissen zu verlegen [widerlegen], doch, daß alle redlichen und ehrbaren Leute verstehen mögen, daß wir in dieser Sache nichts Ungeschicktes lehren, so bitten wir, sie wollen unsere vorige deutsche Konfession, so zu Augsburg überantwortet, ansehen; die wird genug anzeigen, daß wir nichts Neüs oder Ungehörtes lehren. Denn in derselben ist also geschrieben: "Weiter wird gelehrt, daß nach dem Fall Adams alle Menschen, so natürlich geboten werden, in Sünden empfangen und geboren werden, das ist, daß sie alle von Mutterleibe an voll böser Lüste und Neigung sind, keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott von Natur haben können." 3] In diesem erscheint genug, daß wir von allen, so aus Fleisch geboren sind, sagen, daß sie untüchtig sind zu allen Gottessachen, Gott nicht herzlich fürchten, ihm nicht glauben noch vertraün können. Da reden wir von angeborner böser Art des Herzens, nicht allein von actuali culpa oder von wirklicher Schuld und Sünde. Denn wir sagen, daß in allen Adamskindern eine böse Neigung und Lust sei, und daß niemand ihm selbst ein Herz könne oder vermöge zu machen, das Gott erkenne oder Gott herzlich vertraü, herzlich fürchte. Ich wollte doch gerne hören, was sie da schelten wollen oder möchten. Denn fromme, redliche Leute, denen die Wahrheit lieb, sehen ohne allen Zweifel, daß dieses recht und wahr ist. Denn auf die Meinung sagen wir in unserm lateinischen Bekenntnis, daß in einem natürlichen Menschen nicht potentia, das ist, nicht so viel Tügens [Taugens, Könnens], Vermögens sei auch nicht an unschuldigen Kindlein, welche auch aus Adam untüchtig sind, immer herzlich Gott zu fürchten und herzlich Gott zu lieben. In den Alten aber und Erwachsenen sind noch über die angeborne böse Art des Herzens auch noch actus und wirkliche Sünden. Darum wenn wir angeborne böse Lust nennen, meinen wir nicht allein die actus, böse Werke oder Früchte, sondern inwendig die böse Neigung, welche nicht aufhört, solange wir nicht neugeboren werden durch Geist und Glauben.

4] Aber danach wollen wir mit mehr Worten anzeigen, daß wir von der Erbsünde, nämlich was dieselbe sei oder nicht, auch auf geübte, alte Weise der Scholastiker und nicht so ungewöhnlich geredet haben. Ich muss aber erst anzeigen, aus was Ursachen ich an dem Ort vornehmlich solcher und nicht anderer Worte habe brauchen wollen. Die Widersacher selbst reden also davon in ihren Schulen und bekennen, daß die Materie oder Materiale der Erbsünde, wie sie es nennen, sei böse Lust. Darum, so ich habe wollen sagen, was Erbsünde sei, ist das nicht zu übergehen gewesen, sonderlich dieser Zeit, da etliche von derselben angebornen bösen Lust mehr heidnisch aus der Philosophie denn nach dem göttlichen Wort oder nach der Heiligen Schrift reden.

5] Denn etliche reden also davon, daß die Erbsünde an der menschlichen Natur nicht sei eine angeborne böse Art, sondern allein ein Gebrechen und aufgelegte Last oder Bürde, die alle Adamskinder um fremder Sünde willen, nämlich Adams Sünde halben, tragen müssen, und darum alle sterblich seien, nicht daß sie selbst alle von Art und aus Mutterleibe Sünde ererbten. Darüber sagen sie dazu, daß kein Mensch ewig verdammt werde allein um der Erbsünde oder Erbjammers willen, sondern gleichwie von einer leibeigenen Magd leibeigene Leute und Erbknechte geboren werden, nicht ihrer eigenen Schuld halben, sondern daß sie der Mutter Unglücks und Elends entgelten und tragen müssen, so sie doch an ihnen selbst, wie andere Menschen, ohne Wandel geboren werden: so sei die Erbsünde auch nicht ein angebornes Übel, sondern allein ein Gebrechen und Last, die wir von Adam tragen, aber für uns selbst darum nicht in Sünden und Erbungnaden stecken. 6] Damit ich nun anzeigte, daß uns solche unchristliche Meinung nicht gefiele, habe ich dieser Worte gebraucht: "Alle Menschen von Mutterleibe an sind alle voll böser Lüste und Neigung" und nenne die Erbsünde auch darum eine Seuche, anzuzeigen, daß nicht ein Stück, sondern der ganze Mensch mit seiner ganzen Natur mit einer Erbseuche von Art in Sünden geboren wird.

7] Darum nennen wir es auch nicht allein eine böse Lust, sondern sagen auch, daß alle Menschen in Sünden ohne Gottesfurcht, ohne Glauben geboren werden. Dasselbe setzen wir nicht ohne Ursache dazu. Die Schulzänker oder Scholastici, die reden von der Erbsünde, als sei es allein ein liederliches [leichtes], geringes Gebrechen, und verstehen nicht, was die Erbsünde sei, oder wie es die andern heiligen Väter gemeint haben. Wenn die Sophisten schreiben, was Erbsünde sei, was der fomes oder böse Neigung sei, reden sie unter andern davon, als sei es ein Gebrechen am Leibe, wie sie denn wunderkindisch von Sachen zu reden pflegen, und geben Fragen vor: ob dasselbe Gebrechen aus Vergiftung des verbotenen Apfels im Paradies oder aus Anblasen der Schlange Adam erst angekommen sei; item, ob es mit dem Gebrechen die Arznei je länger, je ärger macht. 8] Mit solchen zänkischen Fragen haben sie diese ganze Hauptsache und die vornehmste Frage, was die Erbsünde doch sei, gar verwirrt und unterdrückt. Darum, wenn sie von der Erbsünde reden, lassen sie das Grösste und Nötigste aussen, und unsers rechten, grössten Jammers gedenken sie gar nicht, nämlich daß wir Menschen alle also von Art geboren werden, daß wir Gott oder Gottes Werk nicht kennen, nicht sehen noch merken, Gott verachten, Gott nicht ernstlich fürchten noch vertraün, seinem Gericht oder Urteil feind sind; item, daß wir alle von Natur vor Gott als einem Tyrannen fliehen, wider seinen Willen zürnen und murren, item, uns auf Gottes Güte gar nicht lassen [verlassen] noch wagen, sondern allzeit mehr auf Geld, Gut, Freunde [uns] verlassen. Diese geschwinde Erbseuche, durch welche die ganze Natur verderbt, durch welche wir alle solch Herz, Sinn und Gedanken von Adam ererben, welches stracks wider Gott und das erste, höchste Gebot Gottes ist, übergehen die Scholastici und reden davon, als sei die menschliche Natur unverderbt, vermöge, Gott gross zu achten, zu lieben über alles, Gottes Gebote zu halten usw., und sehen nicht, daß sie wider sich selbst sind. 9] Denn solches aus eigenen Kräften vermögen, nämlich Gott gross zu achten, herzlich zu lieben, seine Gebote zu halten, was wäre das anders, denn eine neü Kreatur im Paradies, gar rein und heilig sein? 10] So wir nun aus unsern Kräften so Grosses vermöchten, Gott über alles zu lieben, seine Gebote zu halten, wie die Scholastici tapfer dürfen heraussagen, was wäre dann die Erbsünde? Und so wir aus eigenen Kräften gerecht würden, so ist die Gnade Christi vergeblich; was dürften wir auch des Heiligen Geistes, so wir aus menschlichen Kräften Gott über alles lieben und seine Gebote halten können? 11] Hier steht je jedermann, wie ungeschickt die Widersacher von diesem hohen Handel reden. Sie bekennen die kleinen Gebrechen an der sündlichen Natur, und des allergrössten Erbjammers und Elendes gedenken sie nicht, da doch die Apostel alle über klagen, das die ganze Schrift allenthalben meldet, da alle Propheten über schreien, wie der 13[14.] Psalm und etliche andere Psalmen sagen: "Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der nach Gott fraget; da ist nicht, der Gutes tut, auch nicht einer." "Ihr Schlund ist ein offenes Grab, Otterngift ist unter ihren Lippen. Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen", Ps. 5, 10. So doch auch die Schrift klar sagt, daß uns solches alles nicht angeflogen, sondern angeboren sei. 12] Dieweil aber die Scholastici unter die christliche Lehre viel Philosophie gemengt und viel von dem Licht der Vernunft und den actibus elicitis reden, halten sie zu viel vom freien Willen und unsern Werken. Darüber haben sie gelehrt, daß die Menschen durch ein äusserlich ehrbar Leben vor Gott, fromm werden, und haben nicht gesehen die angeborne Unreinigkeit inwendig der Herzen, 13] welche niemand gewahr wird denn allein durch das Wort Gottes, welches die Scholastici in ihren Büchern fast [sehr] spärlich und selten handeln. Wir sagen auch wohl, daß äusserlich ehrbar zu leben etlichermassen in unserm Vermögen stehe, aber vor Gott fromm und heilig zu werden, ist nicht unsers Vermögens.

14] Das sind die Ursachen, warum ich des Orts, als ich habe wollen sagen, was die Erbsünde sei, der angebornen bösen Lust gedacht habe und gesagt, daß aus natürlichen Kräften kein Mensch vermag Gott zu fürchten oder ihm zu vertraün. Denn ich habe wollen anzeigen, daß die Erbsünde auch diesen Jammer in sich begreife, nämlich, daß kein Mensch Gott kennt oder achtet, keiner ihn herzlich fürchten oder lieben oder ihm vertraün kann. Das sind die grössten Stücke der Erbsüche, durch welche wir alle aus Adam stracks wider Gott, wider die erste Tafel Mosis und das grösste, höchste göttliche Gebot gesinnt und geartet sind.

15] Und wir haben da nichts Neüs gesagt. Die alten Scholastici, so man sie recht versteht, haben auch gleich dasselbe gesagt; denn sie sagen, die Erbsünde sei ein Mangel der ersten Reinigkeit und Gerechtigkeit im Paradies. Was ist aber justitia orginalis oder die erste Gerechtigkeit im Paradies? 16] Gerechtigkeit und Heiligkeit in der Schrift heisst je nicht allein, wenn ich die andere Tafel Mosis halte, gute Werke tü und dem Nächsten diene, sondern denjenigen nennt die Schrift fromm, heilig und gerecht, der die erste Tafel, der das erste Gebot hält, das ist, der Gott von Herzen fürchtet, ihn liebt und sich auf Gott verlässt. 17] Darum ist Adams Reinigkeit und unverrücktes Wesen nicht allein eine feine, vollkommene Gesundheit und allenthalben reines Geblüt, unverderbte Kräfte des Leibes gewesen, wie sie davon reden, sondern das Grösste an solcher edlen ersten Kreatur ist gewesen ein helles Licht im Herzen, Gott und sein Werk zu erkennen, eine rechte Gottesfurcht, ein recht herzliches Vertraün gegen Gott und allenthalben ein rechtschaffener, gewisser Verstand, ein feines, gutes, fröhliches Herz gegen Gott und alle göttlichen Sachen. 18] Und das bezeugt auch die Heilige Schrift, da sie sagt, daß der Mensch nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen sei. Denn was ist das anders, denn daß göttliche Weisheit und Gerechtigkeit, die aus Gott ist, sich im Menschen bildet, dadurch wir Gott erkennen, durch welche Gottes Klarheit sich in uns spiegelt, das ist, daß dem Menschen erstlich, als er geschaffen, diese Gaben gegeben seien, recht, klare Erkenntnis Gottes, rechte Furcht, rechtes Vertraün und dergleichen? 19] Denn also legt auch solches aus vom Bild und Gleichnis Gottes Irenäus; und Ambrosias, so er allerlei auf die Meinung redet, sagt unter anderm: "Die Seele ist nicht nach dem Bilde Gottes geschaffen, in welcher Gott nicht allzeit ist." 20] Und Paulus zu den Ephesern und Kolossern zeigt genug an, daß Gottes Bild in der Schrift nichts anderes heisse denn Erkenntnis Gottes und rechtschaffenes Wesen und Gerechtigkeit vor Gott. 21] Und Longobardus sagt frei heraus, daß "die erstgeschaffene Gerechtigkeit in Adam sei das Bild und Gleichnis Gottes, welches an dem Menschen von Gott gebildet ist". 22] Ich erzähle die Meinung und Sprüche der Alten, welche an der Auslegung Augustini, wie derselbe vom Bilde Gottes redet, nichts hindern.

23] Darum die Alten, da sie sagen, was die Erbsünde sei, und sprechen, es sie ein Mangel der ersten angeschaffenen Gerechtigkeit, da ist ihre Meinung, daß der Mensch nicht allein am Leibe oder geringsten, niedersten Kräften verderbt sei, sondern daß er auch dadurch verloren habe diese Gaben: rechte Erkenntnis Gottes, recht Liebe und Vertraün gegen Gott und die Kraft, das Licht im Herzen, so ihm zu dem allem Liebe und Lust macht. Denn die Scholastici oder Theologen selbst in Schulen lehren, daß dieselbe angeborne Gerechtigkeit uns nicht möglich wäre gewesen ohne sonderliche Gaben und ohne Hilfe der Gnade. Und dieselben Gaben nennen wir Gottesfurcht, Gotteserkenntnis und Vertraün gegen Got, damit man es verstehen möge. Aus diesem allem erscheint genugsam, daß die Alten, da sie sagen, was die Erbsünde sei, gleich mit uns stimmen, und auch ihre Meinung ist, daß wir durch die Erbsünde in den Jammer gekommen, geboren, daß wir kein gutes Herz, welches Gott recht liebt, gegen Gott haben, nicht allein kein reines, gutes Werk zu tun oder [zu] vollbringen vermögen.

24] Gleich dasselbe meint auch Augustinus, da er auch will sagen, was die Erbsünde sei, und pflegt die Erbsünde eine böse Lust zu nennen; denn er will anzeigen, daß nach Adams Fall anstatt der Gerechtigkeit böse Lust uns angeboren wird. Denn von dem Fall an, dieweil wir, als von Art sündlich geboren, Gott nicht fürchten, lieben noch ihm vertraün, so tun wir nichts anderes, denn daß wir uns auf uns selbst verlassen, verachten Gott oder erschrecken und fliehen von Gott. 25] Und also ist in Augustinus’ Worten auch die Meinung gefasst und begriffen derjenigen, die da sagen, die Erbsünde sei ein Mangel der ersten Gerechtigkeit, das ist, die böse Lust, welche anstatt derselben Gerechtigkeit uns anhängt. Und ist die böse Lust nicht allein eine Verderbung oder Verrückung der ersten reinen Leibesgesundheit Adams im Paradies, sondern auch eine böse Lust und Neigung, da wir nach den allerbesten, höchsten Kräften und Licht der Vernunft dennoch fleischlich wider Gott geneigt und gesinnt sind. Und diejenigen wissen nicht, was sie sagen, die da lehren, der Mensch vermöge aus seinen Kräften Gott über alles zu lieben, und müssen doch zugleich bekennen, es bleibe solange dies Leben währt, noch böse Lust, sofern sie vom Heiligen Geist nicht gänzlich getötet ist.

26] Derhalben wir so eigentlich beides erwähnt und ausgedrückt, da wir haben lehren wollen, was die Erbsünde sei, beide die böse Lust und auch den Mangel der ersten Gerechtigkeit im Paradies, und sagen, derselbe Mangel sei, daß wir Adamskinder Gott von Herzen nicht vertraün, ihn nicht fürchten noch lieben. Die böse Lust sei, daß natürlich wider Gottes Wort all unser Sinn, Herz und Mut steht, da wir nicht allein suchen allerlei Wollust des Liebes, sondern auch auf unsere Weisheit und Gerechtigkeit vertraün und dagegen Gottes vergessen und wenig, ja gar nichts achten. 27] Und nicht allein die alten Väter, als Augustinus und dergleichen, sondern auch die neulichsten Lehrer und Scholastici, die etwas Verstand gehabt, lehren, daß diese zwei Stücke sämtlich die Erbsünde sind, nämlich der Mangel und die böse Lust. Denn also sagt St. Thomas, daß "Erbsünde ist nicht allein ein Mangel der ersten Gerechtigkeit, sondern auch eine unordentliche Begierde oder Lust in der Seele. Derhalben ist es", sagt er, "nicht allein ein lauterer Mangel, sondern auch aliquid positivum". 28] Und Bonaventura sagt auch klar: "Wenn man fragt, was die Erbsünde sei, ist dies die rechte Antwort, daß es eine ungewehrte böse Lust sei. Auch ist die rechte Antwort, das es ein Mangel sei der Gerechtigkeit, und eins gibt das andere." 29] Gleich dasselbe meint auch Hugo, da er sagt: "Die Erbsünde ist Blindheit im Herzen und böse Lust im Fleische." Denn er will anzeigen, daß wir Adamskinder alle so geboren werden, daß wir Gott nicht kennen, Gott verachten, ihm nicht vertraün, ja ihn auch fliehen und hassen. Denn das hat Hugo wollen kurz begreifen, da er gesagt: ignorantia in mente, Blindheit oder Unwissenheit im Herzen. 30] Und die Sprüche auch der neüsten Lehrer stimmen überein mit der Heiligen Schrift. Denn Paulus nennt die Erbsünde unter Zeiten mit klaren Worten einen Mangel göttlichen Lichtes usw. 1. Kor. 2, 14: "Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geiste Gottes." Und an andern Orten nennt er es böse Lust, als zu den Römern am 7, 23, da er sagt: "Ich sehe ein ander Gesetz in meinen Gleidern" usw., welche Lust allerlei böse Früchte gebiert. 31] Ich könnte hier wohl viel mehr Sprüche der Schrift vorbringen von beiden diesen Stücken; aber in dieser öffentlichen Wahrheit ist es nicht not. Ein jeder Verständiger wird leichtlich sehen und merken, daß also ohne Gottesfurcht, ohne Vertraün im Herzen sein, sind nicht allein actus oder wirkliche Sünden, sondern ein angeborner Mangel des göttlichen Lichtes und alles Guten, welcher da bleibt, solange wir nicht durch den Heiligen Geist neugeboren und durch den [ihn] erleuchtet werden.

32] Wie wir nun bisher von der Erbsünde geschrieben und gelehrt, so lehren wir nichts Neüs, nichts anderes denn die Heilige Schrift, die gemeine heilige christliche Kirche; sondern solche nötige, tapfere, klare Sprüche der Heiligen Schrift und der Väter, welche durch ungeschicktes Gezänk der Sophisten unterdrückt gewesen, bringen wir wieder an Tag und wollten gerne die christliche Lehre rein haben. 33] Denn es ist je am Tage, daß die Sophisten und Schulzänker nicht verstanden haben, was die Väter mit dem Wort "Mangel der ersten Gerechtigkeit" gemeint. Dies Stück aber eigentlich und richtig zu lehren, und was die Erbsünde sei oder nicht sei, ist gar hoch vonnöten, und kann niemand sich nach Christo, nach dem unaussprechlichen Schatz göttlicher Huld und Gnade, welche das Evangelium vorträgt, herzlich sehnen oder danach Verlangen haben, der nicht seinen Jammer und Seuche erkennt, wie Christus sagt Matth. 9, 12; Mark 2, 17: "Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht." Alles heilige ehrbare Leben, alle guten Werke, soviel immer ein Mensch auf Erden tun mag, sind vor Gott eitel Heuchelei und Greül, wir erkennen denn erst, daß wir von Art elende Sünder sind, welche in Ungnade Gottes sind, Gott weder fürchten noch lieben. 34] Also sagt der Prophet Jeremias 31, 19: "Dieweil du mir es gezeiget hast, bin ich erschrocken." Und der 116. Psalm: "Alle Menschen sind Lügner", das ist, sie sind nicht recht gesinnt von Gott.

35] Hier schreien nun die WIdersacher heftig wider D. Luther, daß er geschrieben hat, die Erbsünde bleibe auch nach der Taufe, und sagen dazu, derselbe Artikel sei billig verdammt von Papst Leo X. Aber kaiserliche Majestät wird hier öffentlich finden, daß sie uns ganz unrecht tun; denn die Widersacher verstehen fast [seht] wohl, auf was Meinung D. Luther das geredet will haben, da er sagt, die Erbsünde bleibe nach der Taufe. Er hat allzeit klar also geschrieben, daß die heilige Taufe die ganze Schuld und Erbpflicht der Erbsünde wegnimmt und austilgt, wiewohl das Material (wie sie es nennen) der Sünde, nämlich die böse Neigung und Lust, bleibt. Darüber in allen seinen Schriften setzt er noch dazu vom selben Material, daß der Heilige Geist, welcher gegeben wird durch die Taufe, anfängt, inwendig die übrigen bösen Lüste täglich zu töten und zu löschen, und bringt ins Herz ein neüs Licht, einen neün Sinn und Mut. 36] Auf die Meinung redet auch Augustinus, da er also sagt; "Die Erbsünde wird in der Taufe vergeben, nicht daß sie nicht mehr sei, sondern daß sie nicht zugerechnet werde." Da bekennt Augustinus öffentlich, daß die Sünde in uns bleibt, wiewohl sie uns nicht zugerechnet wird. Und dieser Spruch Augustini hat den Lehrern hernach so wohl gefallen, daß er auch im Dekret angezogen wird. Und wider Julianus sagt Augustinus: "Das Gesetz, das in unsern Gleidern ist, ist weggetan durch die geistliche Wiedergeburt und bleibt doch im Fleische, welches ist sterblich. Es ist hinweggetan, denn die Schuld ist ganz los durch das Sakrament, dadurch die Gläubigen neugeboren werden; und bleibt noch da, denn es wirkt böse Lüste, wider welche kämpfen die Gläubigen." 37] Daß D. Luther so hält und lehrt, wissen die Widersacher fast wohl, und so sie es nicht können anfechten, sondern selbst bekennen müssen, verkehren sie ihm böslich die Worte und deuten ihm seine Meinung fälschlich, die Wahrheit unterzudrücken [zu unterdrücken] und unschuldig zu verdammen.

38] Aber weiter disputieren die Widersacher, daß die böse Lust eine Last und aufgelegte Strafe sei und sei nicht eine solche Sünde, die des Todes und Verdammnis schuldig [sei]. Dawider sagt D. Luther, es sei eine solche verdammliche Sünde. Ich habe heir oben gesagt, daß Augustinus auch solches meldet, die Erbsünde sei die angeborne böse Lust. Soll dieses übel geredet sein, mögen sie es mit Augustino ausfechten. 39] Darüber sagt Paulus Röm. 7, 7. 23: "Die Sünde erkannte ich nicht ohne durch das Gesetz; denn ich wusste nichts von der Lust, wo das Gesetz nicht gesagt hätte: Lass dich nicht gelüsten." Da sagt je Paulus dürre heraus: Ich wusste nicht, daß die Lust Sünde war usw. Item: "Ich sehe ein ander Gesetz in meinen Gleidern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gleidern." 40] Dieses sind Pauli helle, gewisse Worte und klare Sprüche; da vermag keine Glosse, kein listiges Fündlein nichts wider; diese Sprüche werden alle Teufel, alle Menschen nicht mögen [können] umstossen. Da nennt er klar die böse Lust eine Sünde; doch sagt er, daß solche Sünde denjenigen, so an Christum glauben, nicht wird zugerechnet; doch an ihr selbst ist es gleichwohl wahrlich eine Sünde, des Todes und ewiger Verdammnis schuldig. 41] Und hat keinen Zweifel, daß auch solches der alten Väter Meinung gewesen. Denn Augustinus disputiert und ficht heftig wider diejenigen, die da hielten, daß die böse Neigung und Lust am Menschen nicht Sünde wäre und weder gut noch böse, wie schwarzen oder weissen Leib haben auch weder gut noch böse ist.

42] Und wenn die Widersacher werden vorgeben, daß fomes oder die böse Neigung weder gut noch böse sei, da werden nicht allein viele Sprüche der Schrift dawider sein, sondern auch die ganze Kirche und alle Väter. Denn alle erfahrenen, christlichen Herzen wissen, daß diese Stücke leider uns in der Haut stecken, angeboren sind, nämlich daß wir Geld, Gut und alle andern Sachen grösser denn Gott achten, sicher dahingehen und leben; item, daß wir immer nach Art fleischlicher Sicherheit also gedenken, Gottes Zorn und Ernst sei nicht so gross über die Sünde, als er doch gewiss ist; item, daß wir den edlen, unaussprechlichen Schatz des Evangelii und Versöhnung Christi nicht herzlich [von Herzen] so teür und edel achten, als sie [er] ist; item, daß wir wider Gottes Werk und Willen murren, daß er in Trübsalen nicht bald hilft und macht’s, wie wir wollen. 43] Item, wir erfahren täglich, daß es uns wehe tut, wie auch David und alle Heiligen geklagt, daß [es] den Gottlosen in dieser Welt wohl geht. Darüber fühlen alle Menschen, wie leicht ihr Herz entbrennt, jetzund mit Ehrgeiz, dann mit Grimm und Zorn, dann mit Unzucht. So nun die Widersacher selbst bekennen müssen, daß solcher Unglaube, solcher Ungehorsam wider Gott im Herzen ist, wennschon nicht ganze Verwilligung (wie sie davon reden), sondern allein die Neigung und Lust da ist, wer will so kühn sein, daß er diese groben Stücke weder böse noch gut achte? Nun sind die klaren Psalmen und klaren Worte der Propheten da, daß die bekennen, daß sie sich also fühlen. Aber die Sophisten in Schulen haben zu dieser Sache wider die klare, öffentliche Schrift geredet und aus der Philosophie ihre eigenen Träume und Sprüche erdichtet, sagen, daß wir um der bösen Lüste willen weder böse noch gut, noch zu schelten noch zu loben sind; item, daß Lüste und Gedanken inwendig nicht Sünde sind, wenn ich nicht ganz drein verwillige. Dieselben Reden und Worte in der Philosophen Büchern sind zu verstehen von äusserlicher Ehrbarkeit vor der Welt und auch [von] äusserlicher Strafe vor der Welt. Denn da ist’s wahr, wie die Juristen sagen: L. cogitationis, "Gedanken sind zollfrei und straffrei". Aber Gott erforscht die Herzen; mit Gottes Gericht und Urteil ist’s anders. Also flicken sie auch an diese Sache andere ungereimte Sprüche, nämlich: Gottes Geschöpf und die Natur könne an ihr selbst nicht böse sein. Das fechte ich nicht an, wenn es irgend geredet wird, da es statthat; aber dazu soll dieser Spruch nicht angezogen werden, die Erbsünde gering zu machen. 44] Und dieselben Sprüche der Sophisten haben viel unsäglichen Schaden getan, durch welche sie die Philosophie und die Lehre, welche äusserliches Leben vor der Welt belangen, vermischen mit dem Evangelio und haben doch solches nicht allein in der Schule gelehrt, sondern auch öffentlich unverschämt vor dem Volk gepredigt. Und die ungöttlichen, irrigen, gefährlichen, schädlichen Lehren hatten in aller Welt überhandgenommen; da ward nichts gepredigt denn unser Verdienst in aller Welt; dadurch ward die Erkenntnis Christi und das Evangelium ganz unterdrückt. 45] Derhalben hat D. Luther aus der Schrift lehren und erklären wollen, wie eine große Todesschuld die Erbsünde vor Gott sei, und wie in grossem Elend wir geboren werden, und daß die übrige Erbsünde, so nach der Taufe bleibt, an ihr selbst nicht indifferens sei, sondern bedarf des Mittlers Christi, daß sie uns Gott nicht zurechne, und ohne Unterlass des Lichtes und Wirkung des Heiligen Geistes, durch welchen sie ausgefegt und getötet werde.

46] Wiewohl nun die Sophisten und Scholastici anders lehren und beide von der Erbsünde und von derselben Strafe der Schrift ungemäss lehren, da sie sagen, der Mensch vermöge aus seinen Kräften Gottes Gebote zu halten, so wird doch die Strafe, so Gott auf Adams Kinder auf die Erbsünde gelegt, im ersten Buch Mosis viel anders beschrieben. Denn da wird die menschliche Natur verurteilt nicht allein zum Tod und [zu] anderm leiblichen übel, sondern dem Reich des Teufels unterworfen. Denn da wird dieses schreckliche Urteil gefällt: "Ich will Feindschaft zwischen dir und dem Weibe, zwischen ihrem Samen und deinem Samen setzen" usw. 47] Der Mangel erster Gerechtigkeit und die böse Lust sind Sünde und Strafe. Der Tod aber und die andern leiblichen übel, die Tyrannei und Herrschaft des Teufels sind eigentlich die Strafen und poenae der Erbsünde. Denn die menschliche Natur ist durch die Erbsünde unter des Teufels Gewalt dahingegeben und ist also gefangen unter des Teufels Reich, welcher manchen grossen, weisen Menschen in der Welt mit schrecklichem Irrtum, Ketzerei und anderer Blindheit betäubt und verführt und sonst die Menschen zu allerlei Lastern dahinreisst. 48] Wie es aber nicht möglich ist, den listigen und gewaltigen Geist, Satan, zu überwinden ohne die Hilfe Christi, also können wir uns aus eigenen Kräften aus dem Gefängnis auch nicht helfen. Es ist in allen Historien vom Anfang der Welt zu sehen und zu finden, 49] wie eine unsäglich grosse Gewalt das Reich des Teufels sei. Man sieht, daß die Welt vom Höchsten bis zum Niedrigsten voll Gotteslästerung, voll grosser Irrtümer, gottloser Lehre wider Gott und sein Wort ist. In den starken Fesseln und Ketten hält der Teufel jämmerlich gefangen viel weise Leute, viel Heuchler, die von der Welt heilig scheinen. Die andern führt er in andere grobe Laster: Geiz, Hoffart usw. 50] So uns nun Christus darum gegeben ist, daß er dieselben Sünden und schweren Strafen der Sünden wegnehme, die Sünde, den Tod, des Teufels Reich uns zugut überwinde, kann niemand herzlich sich freün des grossen Schatzes, niemand die überschwenglichen Reichtümer der Gnade erkennen, er fühle denn von erst dieselbe Last, unser angebornes grosses Elend und Jammer. Darum haben unsere Prediger von dem nötigen Artikel mit allem höchsten Fleiße gelehrt und haben nichts Neüs gelehrt, sondern eitel klare Worte der Heiligen Schrift und gewisse Sprüche der Väter, Augustini und der andern.

51] Dieses, achten wir, solle die kaiserliche Majestät ihr billig lassen genug sein wider das lose; kindische, ungegründete Vorbringen der Widersacher, durch welches sie der unsern Artikel ohne Ursache ganz unbillig anfechten. Denn sie singen, sagen, wieviel, was und wie lange sie wollen, so wissen wir eigentlich das und sind’s fürwahr gewiss, daß wir christlich und recht lehren und mit der gemeinen christlichen Kirche gleich stimmen und halten. Werden sie darüber weiter mutwilligen Zank einführen, so sollen sie sehen, es sollen hier, will’s Gott, Leute nicht fehlen, die ihnen antworten und die Wahrheit dennoch erhalten. Denn die Widersacher wissen das mehrere Teil nicht, was sie reden. Denn wie oft reden und schreiben sie ihnen selbst Widerwärtiges? Verstehen auch ihre eigene Dialektika nicht vom Formal der Erbsünde, das ist, was eigentlich an ihrem Wesen die Erbsünde sei oder nicht sei, was auch der Mangel der ersten Gerechtigkeit sei. An diesem Ort aber haben wir nicht wollen von ihrer zänkischen DIsputation subtiler oder weiter reden, sondern allein die Sprüche und Meinung der heiligen Väter, welchen wir auch gleichförmig lehren, mit klaren, gemeinen verständlichen Worten erzählen wollen.
 
 

Artikel III. Von Christo.

52] Den dritten Artikel lassen ihnen die Widersacher gefallen, da wir bekennen, daß in Christo zwei Naturen sind, nämlich, daß Gottes Sohn die menschliche Natur hat angenommen und also Gott und Mensch eine Person, ein Christus ist; und daß derselbe für uns hat gelitten und ist gestorben, uns dem Vater zu versöhnen; und daß er auferstanden ist, daß er ein ewig Reich besitze alle Gläubigen heilige und gerecht mache usw., wie das Credo der Apostel und Symbolum Nicänum lehrt.
 
 

Artikel IV. (II.) Wie man vor Gott fromm und gerecht wird.

1] Im vierten, fünften und sechsten und hernach im zwanzigsten Artikel verdammen die Widersacher unser Bekenntnis, daß wir lehren, daß die Gläubigen Vergebung der Sünden durch Christum ohne alles Verdienst allein durch den Glauben erlangen, und verwerfen gar trotziglich beides. Erstlich, daß wir nein dazu sagen, daß den Menschen durch ihre Verdienst sollten die Sünden vergeben werden. Zum andern, daß wir halten, lehren und bekennen, daß niemand Gott versöhnt wird, niemand Vergebung der Sünden erlangt denn allein durch den Glauben an Christum. 2] Dieweil aber solcher Zank ist über dem höchsten, vornehmsten Artikel der ganzen christlichen Lehre, also daß an diesem Artikel ganz viel gelegen ist, welcher auch zu klarem, richtigem Verstande der ganzen Heiligen Schrift vornehmlich dient und zu dem unaussprechlichen Schatze und der rechten Erkenntnis Christi allein den Weg weist, auch in die ganze Bibel allein die Tür auftut, ohne welchen Artikel auch kein arm Gewissen einen rechten, beständigen, gewissen Trost haben oder die Reichtümer der Gnade Christi erkennen mag: so bitten wir, kaiserliche Majestät wolle von dieser grossen, tapfern [ernsten], hochwichtigen Sache nach Notdurft und gnädiglich uns hören. 3] Denn dieweil die WIdersacher gar nicht verstehen noch wissen, was durch diese Worte in der Schrift zu verstehen, was Vergebung der Sünden sei, was Glaube, was Gnade, was Gerechtigkeit sei, so haben sie diesen edeln, hochnötigen, vornehmsten Artikel, ohne welchen niemand Christum erkennen würde, jämmerlich besudelt und den hohen, teuren Schatz der Erkenntnis Christi, oder was Christus und sein Reich und Gnade sei, gar unterdrückt und den armen Gewissen einen solchen, so edeln, grossen Schatz und ewigen Trost, daran es gar gelegen, jämmerlich geraubt. 4] Daß wir aber unser Bekenntnis bekräftigen und was die Widersacher vorgebracht, verlegen [widerlegen] mögen, so wollen wir zuvor erst anzeigen Grund und Ursache beiderlei Lehre, damit jeder Teil klarer zu vernehmen sei.

5] Die ganze Schrift beide Alten und Neün Testaments wird in die zwei Stücke geteilt und lehrt diese zwei Stücke, nämlich Gesetz und göttliche Verheissungen. Denn an etlichen Orten hält sie uns vor das Gesetz, an etlichen bietet sei Gnade an durch die herrlichen Verheissungen von Christo; als, wenn im Alten Testament die Schrift verheisst den zukünftigen Christum und bietet ewigen Segen, Benedeiung, ewiges Heil, Gerechtigkeit und ewiges Leben durch ihn an, oder im Neün Testament, wenn Christus, sieder [seitdem] er gekommen ist auf Erden, im Evangelio verheisst Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und ewiges Leben. 6] Heir aber, an dem Orte, nennen wir das Gesetz die zehn Gebote Gottes, wo dieselben in der Schrift gelesen werden. Von den Zeremonien und den Gesetzen der Gerichtshändel wollen wir hier nicht reden.

7] Von diesen zwei Stücken nehmen nun die Widersacher das Gesetz vor sich. Denn dieweil das natürliche Gesetz, welches mit dem Gesetz Mosis oder [den] zehn Geboten übereinstimmt, in aller Menschen Herzen angeboren und geschrieben ist, und also die Vernunft etlichermassen die zehn Gebote fassen und verstehen kann, will sie wähnen, sie habe genug am Gesetz, und durchs Gesetz könne man Vergebung der Sünden erlangen. 8] Die zehn Gebote aber erfordern nicht allein ein äusserlich ehrbar Leben oder gute Werke, welche die Vernunft etlichermassen vermag zu tun, sondern erfordern etwas viel Höheres. welches über alle menschlichen Kräfte, über alles Vermögen der Vernunft ist; nämlich will das Gesetz von uns haben, daß wir Gott sollen mit ganzem Ernst von Herzensgrund fürchten und lieben, ihn in allen Nöten allein anrufen und sonst auf nichts einigen Trost setzen. Item, das Gesetz will haben, daß wir nicht weichen noch wanken sollen, sondern aufs allergewisseste im Herzen schliessen, daß Gott bei uns sei, unser Gebet erhört, und daß unser Seufzen und Bitten Ja sei; item, daß wir von Gott noch Leben und allerlei Trost erwarten sollen mitten im Tode, in allen Anfechtungen seinem WIllen uns gänzlich [an]heimgeben, in Tod und Trübsal nicht von ihm fliehen, sondern ihm gehorsam sein, gerne alles tragen und leiden, wie es uns geht.

9] Hier haben die Scholastici den Philosophis gefolgt, und wenn sie wollen sagen, wie man vor Gott fromm wird, lehren sie allein eine Gerechtigkeit und Frömmigkeit, da ein Mensch äusserlich vor er Welt ein ehrbar Leben führt und gute Werke tut, und erdichten diesen Traum dazu, daß die menschliche Vernunft ohne den Heiligen Geist vermöge Gott über alles zu lieben. Denn wohl ist’s wahr, wenn ein Menschenherz müssig ist und nicht in Anfechtungen, und dieweil es Gottes Zorn und Gericht nicht fühlt, so mag es einen solchen Traum ihm erdichten, als liebe es Gott über alles und tü viel Gutes, viele Werke um Gottes willen; aber es ist eitel Heuchelei. Und auf die Weise haben doch die Widersacher gelehrt, daß die Menschen Vergebung der Sünden verdienen, wenn sie so viel tun, als an ihnen ist, das ist, wenn die Vernunft ihr lässt die Sünde leid sein und erdichtet einen Willen dazu, Gott zu lieben. 10] Und diese Meinung und irrige Lehre, dieweil die Leute natürlich dazu geneigt sind, daß ihre Verdienste und Werke vor Gott etwas geachtet und verdienen möchten, hat unzählig viel missbräuchliche Gottesdienste in der Kirche angerichtet und geursacht, als [da] sind die Klostergelübde, Missbräuche der Messe, wie denn solches unzählig, immer ein Gottesdienst über den andern, aus diesem Irrtum erdacht ist. 11] Und daß nur solch Vertraün auf unsere Verdienste und Werke immer weiter ausgebreitet worden, haben sie unverschämt dürfen sagen und schliessen, Gott der Herr müsse von Not Gnade geben denjenigen, die also gute Werke tun, nicht daß er gezwungen wäre, sondern da dies die Ordnung also sei, die Gott nicht übergehe noch ändere.

12] Und in diesen Stücken, eben in dieser Lehre, sind viel andere grosse, ganz schädliche Irrtümer und schreckliche Lästerungen Gottes begriffen und verborgen, welche alle bei Namen zu erzählen jetzt zu lang wäre. Allein das wolle doch um Gottes willen ein jeglicher christlicher Leser bedenken: Können wir durch solche Werke vor Gott fromm und Christen werden, so wollte ich gerne hören (und versucht alle eür Bestes, hier zu antworten), was doch für Unterschied sein wollte zwischen der Philosophen und Christi Lehre. So wir Vergebung der Sünden erlangen mögen durch solche unsere Werke oder actus elicitos, was hilft und dann Christus? Können wir heilig und fromm vor Gott werden durch natürliche Vernunft und unsere eigenen guten Werke, was [be]dürfen wir denn des Blutes und Todes Christi, oder daß wir durch ihn neugeboren werden, wie Petrus 1 Petr. 1, 18ff, sagt? 13] Und aus dem [ge]fährlichen Irrtum (dieweil man solchen öffentlich in Schulen gelehrt und auf den Predigtstühlen getrieben), ist es leider dahin geraten, daß auch grosse Theologen zu Löwen, Paris usw. von keiner andern christlichen Frömmigkeit oder Gerechtigkeit gewusst haben (obwohl alle Buchstaben und Syllaben im Paulo anders lehren) denn von der Frömmigkeit, welche die Philosophie lehrt. Und so es uns billig fremd sein sollte, und wir billig sie verlachen sollten, verlachen sie uns, ja verspotten Paulum selbst. 14] Also gar ist der schändliche, greuliche Irrtum eingerissen. Ich habe selbst einen grossen Prediger gehört, welcher Christi und des Evangeliums nicht gedacht und Aristotelis "Ethicorum" predigte; heisst das nicht kindisch, närrisch unter Christen gepredigt? Aber ist der Widersacher Lehre wahr, so ist das "Ethicorum" ein köstlich Predigtbuch und eine feine neü Bibel. 15] Denn von äusserlich ehrbarem Leben wird nicht leicht jemand besser schreiben denn Aristoteles. Wir sehen, daß etliche Hochgelehrte haben Bücher geschrieben, darin sie anzeigen, als stimmten die Worte Christi und die Sprüche Sokratis und Zenonis fein zusammen, gleich als sie Christus gekommen, daß er gute Gesetze und Gebote gebe, durch welche wir Vergebung der Sünden verdienen sollten, und nicht vielmehr Gnade und Frieden Gottes zu verkünden und den Heiligen Geist außuteilen durch sein Verdienst und Blut. 16] Darum so wir der Widersacher Lehre annehmen, daß wir Vergebung der Sünden verdienen mögen aus Vermögen natürlicher Vernunft und [durch] unsere Werke, so sind wir schon aristotelisch und nicht christisch, und ist kein Unterschied zwischen ehrbarem, heidnischem, zwischen pharisäischem und christlichem Leben, zwischen der Philosophie und dem Evangelio.

17] Wiewohl nun die WIdersacher, damit sie des Namens Christi nicht gar als die gottlosen, rohen Heiden schweigen, also vom Glauben reden, daß sie sagen, es sei eine Erkenntnis der Historie von Christo, und wiewohl sie von Christo auch dennoch etwas sagen, nämlich daß er uns verdient habe einen habitum oder, wie sie es nennen, primam gratiam, die erste Gnade, welche sei achten für eine Neigung, dadurch wir dennoch Gott leichter denn sonst lieben können: so ist es doch eine schwache, geringe, kleine, schlechte Wirkung, die Christus also hätte, oder die durch solchen habitus geschähe. Denn sie sagen nichtsdestoweniger, daß die Werke unserer Vernunft und Willens, ehe derselbe habitus da ist, und auch danach, wenn derselbe habitus da ist, eiusdem speciei, das ist, vor und nach einerlei und ein Ding sei. Denn sie sagen, daß unsere Vernunft und menschlicher Wille an ihm selbst vermöge, Gott zu lieben, allein der habitus bringe eine Neigung, daß die Vernunft dasselbe, das sie zuvor wohl vermag, desto lieber und leichter tü. Darum lehren sie auch, daß derselbe habitus müsse verdient werden durch unsere vorgehenden Werke, und daß wir durch die Werke des Gesetzes Vermehrung solcher guten Neigung und das ewige Leben verdienen. 18] Also verbergen uns die Leute Christum und begraben ihn aufs neü, daß wir ihn nicht für einen Mittler erkennen können. Denn sie schweigen gar, daß wir lauter aus Gnaden, ohne Verdienst Vergebung der Sünden durch ihn erlangen, sondern bringen ihre Träume aus, als könnten wir durch gute Werke und des Gesetzes Werke Vergebung der Sünden verdienen, so doch die ganze Schrift sagt, daß wir das Gesetz nicht vermögen zu erfüllen oder zu halten. Und so die Vernunft am Gesetz nichts ausrichtet, denn daß sie allein äusserliche Werke tut, im Herzen aber fürchtet sie Gott nicht, so glaubt sie auch nicht, daß Gott ihrer wahrnehme. Und wiewohl sie von dem habitus also reden, so ist es doch gewiss, daß ohne den Glauben an Christum rechte Gottesliebe in keinem Herzen sein kann; so kann auch niemand verstehen, was Gottes Liebe ist, ohne den Glauben.

19] Daß sie aber einen Unterschied erdichten unter dem meritum congrui und meritum condigni, unter dem gebührlichen Verdienst und rechtem, ganzem Verdienst, spielen und zanken sie allein mit Worten, damit sie sich nicht öffentlich als Pelagianer merken lassen. Denn so Gott von Not muss Gnade geben um Gebührverdienst, so ist es nicht Gebührverdienst, sondern eine rechte Pflicht und ganz Verdienst, wiewohl sie selbst nicht wissen, was sie sagen. Denn sie erdichten und träumen, daß, wenn der habitus der Liebe Gottes (davon ober gesagt), da ist, so verdiene der Mensch gebührlich oder de congruo [de condigno, mit ganzem Verdienst] die Gnade Gottes, und sagen doch, es könne niemand so gewiss sein, ob derselbe habitus da sei. 20] Nun hört, liebe Herren, wie wissen sie denn, oder wann wissen wie es, ob sie gebührlich oder durch ganz Verdienst, für voll oder halb, unserm Herrgott seine Gnade abverdienen? Aber, ach lieber Herr Gott! das sind eitel kalte Gedanken und Träume müssiger, heilloser, unerfahrener Leute, welche die Bibel nicht viel in Praktiken bringen, die gar nicht wissen noch erfahren, wie einem Sünder ums Herz ist, was Anfechtungen des Todes oder des Teufels sind, die gar nicht wissen, wie rein wir alles Verdienstes, aller Werke vergessen, wenn das Herz Gottes Zorn fühlt, oder das Gewissen in Ëngsten ist. Die sicheren, unerfahrenen Leute gehen wohl immer dahin in dem Wahn, als verdienten sie mit ihren Werken de congruo Gnade. Denn es ist ohne das uns angeboren natürlich, daß wir von uns selbst und unsern Werken gern etwas viel wollten halten. Wenn aber ein Gewissen recht seine Sünde und Jammer fühlt, so ist aller Scherz, so sind alle Spielgedanken aus, und ist eitel grosser, rechter Ernst; da lässt sich kein Herz noch Gewissen stillen noch zufriedenstellen, sucht allerlei Werke und aber[mals] Werke und wollte gern Gewissheit, wollte gern Grund fühlen und gewiss auf etwas fußen und ruhen. Aber dieselben erschrockenen Gewissen fühlen wohl, daß man de condigno noch de congruo nichts verdienen kann, sinken bald dahin in Verzagen und Verzweiflung, wenn ihnen nicht ein anderes Wort denn des Gesetzes Lehre, nämlich das Evangelium von Christo, daß der für uns gegeben ist, gepredigt wird. Daher weiss man etliche Historien, daß die Barfüssermönche, wenn sie etlichen guten Gewissen an [in] der Todesstunde lange haben umsonst ihren Orden und gute Werke gelobt, daß sie zuletzt haben müssen ihres Ordens und St. Franzisken schweigen und dies Wort sagen: Lieber Mensch, Christus ist für dich gestorben! daß hat in Ëngsten erquickt und erkühlt, Frieden und Trost allein gegeben.

21] Also lehren die Widersacher nichts denn eine äusserliche Frömmigkeit äusserlicher guter Werke, welche Paulus des Gesetzes Frömmigkeit nennt, und sehen also, wie die Juden, das verdeckte Angesicht Mosis, tun nichts, denn daß sie in etlichen sicheren Heuchlern die Sicherheit und Härtigkeit stärken, führen die Leute auf einen Sandgrund, aus ihre eigenen Werke, dadurch Christus und das Evangelium verachtet wird, geben manchen elenden Gewissen Ursache zur Verweiflung; denn sie tun gute Werke auf ungewissen Wahn, erfahren nimmer, wie ein gross, kräftig Ding der Glaube ist, fallen zuletzt ganz in Verzweiflung.

22] Wir halten und reden von der äusserlichen Frömmigkeit also, daß Gott wohl fordert und haben will ein solch äusserlich ehrbar Leben, und um Gottes Gebotes willen müsse man dieselben guten Werke tun, welche in [den] zehn Geboten werden geboten. Denn das Gesetz ist unser Zuchtmeister und das Gesetz ist den Ungerechten gegeben. Denn Gott der Herr will, daß den groben Sünden durch eine äusserliche Zucht gewehrt werde, und dasselbe zu erhalten, gibt er Gesetze, ordnet Obrigkeit, gibt gelehrte, weise Leute, die zum Regiment dienen. 23] Und also äusserlich ehrbaren Wandel und Leben zu führen, vermag etlichermassen die Vernunft aus ihren Kräften, wiewohl sie oft durch angeborne Schwachheit und durch List des Teufels auch daran gehindert wird. 24] Wiewohl ich nun einem solchen äusserlichen Leben und den guten Werken gerne so viel Lobes lasse, als ihm gebührt; denn in diesem Leben und im weltlichen Wesen ist je nichts Besseres denn Redlichkeit und Tugend, wie denn Aristoteles sagt, daß weder der Morgenstern noch Abendstern lieblicher und schöner sei denn Ehrbarkeit und Gerechtigkeit, wie denn Gott solche Tugend auch belohnt mit leiblichen Gaben: so soll man doch gute Werke und solchen Wandel nicht also hoch haben, daß es Christo zur Schmach [ge]reiche.

25] Denn also schliesse ich und bin des gewiss: erdichtet ist’s und nicht wahr, daß wir durch unsere Werke sollten Vergebung der Sünden verdienen.

26] Auch ist’s Lüge und nicht wahr, daß ein Mensch vor Gott könne gerecht und fromm werden durch seine Werke und äusserliche Frömmigkeit.

27] Auch ist es Ungrund und nicht wahr, daß die menschliche Vernunft aus ihren Kräften vermögen sollte, Gott über alles zu lieben, sein Gebot zu halten, ihn zu fürchten, gewiss darauf zu stehen, daß Gott das Gebet erhöre, Gott zu danken und gehorsam zu sein in Trübsalen und anderm, was Gottes Gesetz gebietet, als, nicht fremdes Gut begehren usw. Denn das alles vermag die Vernunft nicht, wiewohl sie äusserlich ehrbares Leben und gute Werke etlichermassen vermag.

28] Auch ist es erdichtet und nicht wahr und eine Lästerung wider Christum, daß diejenigen sollten ohne Sünde sein, die Gottes Gebote allein äusserlich halten ohne Geist und Gnade im Herzen.

29] Dieses meines Beschlusses habe ich Zeugnis nicht allein aus der Heiligen Schrift, sondern auch aus den alten Vätern. Augustinus redet und handelt solches aufs allerreichlichste wider die Pelagianer, daß die Gnade nicht gegeben wird um unsers Verdienstes willen. Und im Buche De Natura et Gratia, das ist, von der Natur und Gnade, sagt er also: "So das Vermögen der Natur durch den freien Willen genug ist, beide, zu erkennen, wie man leben soll, und also recht zu leben, so ist Christus umsonst gestorben. Warum sollte ich hier auch nicht rufen und schreien mit Paulo? 30] Ich mag billig schreien: ‘Ihr habt Christum verloren, die ihr durch des Gesetzes Werke gerecht werden wollt, und seid von der Gnade gefallen.’ Denn ihr erkennt die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und trachtet eure eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und seid der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht untertan. Denn wie das Ende des Gesetzes Christus ist, also ist auch der Heiland der verderbten Natur Christus. 31] Item, Joh. 8, 36: ‘So euch der Sohn freimacht, so seid ihr recht frei.’" Derhalben können wir durch die Vernunft oder unsere guten Werke nicht frei werden von den Sünden oder Vergebung der Sünden verdienen. Item, Joh. am 3, 5 steht geschrieben: "Es sei denn, daß jemand neugeboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen." So nun das dazu gehört, daß wir durch den Heiligen Geist müssen neugeboren werden, so werden uns unsere guten Werke oder eigen Verdienst nicht rechtfertig machen vor Gott, so können wir das Gesetz nicht halten noch erfüllen. 32] Item, Röm. 3, 23: "Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie an Gott haben sollten", das ist, ihnen mangelt die Weisheit und Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, dadurch sie Gott recht erkennen, gross achten und preisen sollten. Item, Röm. 8, 7. 8: "Fleischlich gesinnet sein, ist eine Feindschaft wider Gott, sintemal es dem Gesetz Gottes nicht untertan ist, denn es vermag es auch nicht; die aber fleischlich gesinnet sind, mögen Gott nicht gefallen." 33] Das sind so gar klare, helle Sprüche der Schrift, daß sie nicht so scharfes Verstandes bedürfen, sondern allein, daß man’s lese und die klaren Worte wohl ansehe, wie auch Augustinus in der Sache sagt. Ist nun die Vernunft und fleischlich gesinnt sein eine Feindschaft wider Gott, so kann kein Mensch ohne den Heiligen Geist herzlich Gott lieben. Item, ist fleischlich gesinnt sein wider Gott, so sind wahrlich die besten guten Werke unrein und Sünden, die immer ein Adamskind tun mag. Item, kann das Fleisch Gottes Gesetz nicht untertan sein, so sündigt wahrlich auch ein Mensch, wenn er gleich edle, schöne, köstliche gute Werke tut, die die Welt grossachtet. 34] Die Widersacher sehen allein die Gebote an der andern Tafel Mosis, die da auch von der äusserlichen Ehrbarkeit redet, welche die Vernunft besser vernimmt, und wollen wähnen, mit solchen äusserlichen guten Werken halten sie Gottes Gesetz. Sie sehen aber die erste Tafel nicht an, welche gebietet und von uns haben will, daß wir Gott herzlich sollen lieben, daran gar nicht wanken noch zweifeln sollen, daß Gott um der Sünde willen zürne, daß wir Gott herzlich fürchten sollen, daß wir uns gewiss in unsern Herzen sollen darauf verlassen, Gott sei nicht ferne, er erhöre unser Gebet usw. Nun sind wir, ehe wir durch den Heiligen Geist neugeboren werden, alle der Art aus Adam, daß unser Herz in Sicherheit Gottes Zorn, Urteil und Dräün verachtet, seinem Urteil und Strafen gehässig und feind ist. 35] So nun alle Adamskinder in so grossen Sünden geboren werden, daß wir alle von Art Gott verachten, sein Wort, seine Verheissung und Dräün in Zweifel setzen, so müssen wahrlich unsere besten guten Werke, die wir tun, ehe wir durch den Heiligen Geist neugeboren werden, sündliche und verdammte Werke vor Gott sein, wenn sie gleich vor der Welt schön sind; denn sie gehen aus einem bösen, gottlosen, unreinen Herzen, wie Paulus sagt Röm. 14, 23: "Was nicht aus dem Glauben gehet, das ist Sünde." Denn alle solche Werkheilige tun Werke ohne Glauben, verachten Gott im Herzen und glauben als wenig, daß Gott sich ihrer annehme, als Epikurus geglaubt hat. Die Verachtung Gottes inwendig muss je die Werke unflätig und sündlich machen, wenn sie gleich vor den Leuten schön sind; denn Gott forscht die Herzen.

36] Zuletzt, so ist je das auch aufs närrischste und ungeschickteste von den Widersachern geredet, daß die Menschen, die auch ewiges Zornes schuldig sind, Vergebung der Sünden erlangen durch die Leibe oder actum elicitum dilectionis, so es doch unmöglich ist, Gott zu lieben, wenn das Herz nicht erst durch den Glauben Vergebung der Sünden ergriffen hat. Denn es kann je ein Herz, das in Ëngsten ist und Gottes Zorn recht fühlt, Gott nicht lieben, er gebe denn dem Herzen Luft, er tröste und erzeige sich denn wieder gnädig. Denn dieweil er schreckt und also uns angreift, als wolle er uns in ewiger Ungnade in den ewigen Tod von sich stossen, so muss der armen schwachen Natur das Herz und Mut entfallen und muss je vor so grossem Zorn erzittern, der so greulich schreckt und straft, und kann je alsdann, ehe Gott selbst tröstet, kein Fünklein Liebe fühlen. 37] Müssige und unerfahrene Leute mögen ihnen wohl selbst einen Traum von der Liebe erdichten, darum reden sie auch so kindisch davon, daß einer, der gleich einer Todsünde schuldig ist, könne gleichwohl Gott über alles lieben; denn sie wissen noch nicht recht, was Sünde für eine Last, was für eine grosse Qual sei, Gottes Zorn fühlen. Aber fromme Herzen, die es im rechten Kampf mit dem Satan und rechten Ëngsten des Gewissens erfahren haben, die wissen wohl, daß solche Worte und Gedanken eitel Gedanken, eitel Träume sind. Paulus sagt: "Das Gesetz richtet nur Zorn an", Röm. 4, 15. 38] Er sagt nicht, daß durch das Gesetz die Leute verdienen Vergebung der Sünden. Denn das Gesetz klagt allzeit das Gewissen an und erschreckt’s. Derhalben macht das Gesetz niemand fromm und gerecht vor Gott; denn ein erschrocken Gewissen fleucht vor Gott und seinem Urteil. Derhalben irren diejenigen, die durch ihre Werke oder durch das Gesetz wollen verdienen Vergebung der Sünden. 39] Dieses sei genug gesagt von der Gerechtigkeit der Werkheiligen oder der Vernunft, welche die Widersacher lehren. Denn bald hernach, wenn wir werden sagen von der Frömmigkeit und Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die aus dem Glauben kommt, wird die Sache an ihr selbst mit sich bringen, mehr Sprüche aus der Schrift einzuführen, welche denn alle auch gleich stark dienen werden, die obangezeigten Irrtümer der Widersacher umzustossen

40] Dieweil denn kein Mensch aus seinen Kräften Gottes Gesetz zu halten vermag, und sind alle unter der Sünde, schuldig des ewigen Zornes und Todes, so könnten wir durch das Gesetz der Sünde nicht los noch vor Gott fromm werden, sondern es ist verheissen Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit durch Christum, welcher für uns gegeben ist, daß er die Sünden der Welt bezahlte, und ist der einige Mittler und Erlöser. 41] Und diese Verheissung lautet nicht also: Durch Christum habt ihr Gnade, Heil usw., wo ihr’s verdient, sondern lauter aus Gnade bietet er an Vergebung der Sünden, wie Paulus sagt: "So aus den Werken Vergebung der Sünden ist, so ist’s nicht Gnade." Und an einem andern Ort: "Diese Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ist ohne Gesetz offenbart", das ist, umsonst wird Vergebung der Sünden angeboten. Und darum liegt’s nicht an unserm Verdienst, daß wir Gott versöhnt werden. 42] Denn wenn’s an unserm Verdienst läge, Vergebung der Sünden und die Versöhnung Gottes aus dem Gesetz wäre, so wäre es verloren und wären wir wahrlich übel Gott vereinigt und versöhnt. Denn wir halten das Gesetz nicht und vermögen es nicht zu halten; so würde folgen, daß wir auch die zugesagte Gnade und Versöhnung nimmermehr erlangten. Denn also schleusst Paulus zu den Römern am 4, 14: "So aus dem Gesetz das Erbe ist, so ist der Glaube nichts, und die Verheissung ist ab." So sich nun die Verheissung gründete auf unser Verdienst und auf das Gesetz, so folgte, dieweil wir das Gesetz nicht halten können, daß die Verheissung vergeblich wäre.

43] So wir aber vor Gott fromm und gerecht werden allein aus lauter Gnade und Barmherzigkeit, die in Christo verheissen ist, erfolgt, daß wir durch unsere Werke nicht fromm werden. Denn was wäre sonst der herrlichen göttlichen Verheissungen vonnöten, und was dürfte Paulus die Gnade so hoch heben und preisen? Derhalben lehrt, rühmt, predigt und preist das Evangelium die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt an Christum, welche nicht eine Gerechtigkeit des Gesetzes ist. 44] So lehrt auch das Gesetz davon nichts, und ist gar viel eine höhere Gerechtigkeit, denn des Geseztes Gerechtigkeit ist. Denn das Gesetz fordert von uns unsere Werke und will haben, daß wir inwendig im Herzen gottesfürchtig und ganz rechtschaffen sind. Aber die göttliche Zusage, die bietet uns an, als denjenigen, die von der Sünde und Tode überwältigt sind, Hilfe, Gnade und Versöhnung um Christus’ willen, welche Gnade niemand mit Werken fassen kann, sondern allein durch den Glauben an Christum. 45] Derselbe Glaube bringt noch schenkt Gott dem Herrn kein Werk, kein eigen Verdienst, sondern baut bloss auf lauter Gnade und weiss sich nichts zu trösten noch zu verlassen denn allein auf Barmherzigkeit, die verheissen ist in Christo. Derselbe Glaube nun, da ein jeder für sich glaubt, daß Christus für ihn gegeben ist, der erlangt allein Vergebung der Sünden um Christus’ willen und macht uns vor Gott fromm und gerecht. Und dieweil derselbe in rechtschaffener Busse ist, unsere Herzen auch im Schrecken der Sünde und des Todes wieder aufrichtet, so werden wir durch denselben neugeboren, und kommt durch den Glauben der Heilige Geist in unser Herz, welcher unsere Herzen verneürt, daß wir Gottes Gesetz halten können, Gott recht lieben, gewisslich fürchten, nicht wanken noch zweifeln, Christus sei uns gegeben, er erhöre unser Rufen und Bitten, und daß wir in Gottes Willen uns fröhlich geben können auch mitten im Tode. 46] Also derselbe Glaube, der aus Gnaden umsonst empfängt und erlangt Vergebung der Sünde, ist rechtschaffen, der gegen Gottes Zorn nicht sein Verdienst oder Werk setzt, welches ein Federlein gegen einen Sturmwind wäre, sondern der Christum der Mittler darstellt; und derselbe Glaube ist eine rechte Erkenntnis Christi. Wer also glaubt, der erkennt die grosse Wohltat Christi und wird eine neü Kreatur; und ehe ein solcher Glaube im Herzen ist, kann niemand das Gesetz erfüllen. 47] Von demselben Glauben und Erkenntnis Christi ist nicht eine Syllabe, nicht ein Tüttel in allen Büchern der Widersacher. Darum schelten wir auch die Widersacher, daß sie allein das Gesetz lehren von unsern Werken und nicht das Evangelium, das da lehrt, daß man gerecht werde, wenn man an Christum glaubt.
 
 

Was der Glaube sei, der vor Gott fromm und gerecht macht.

48] Die Widersacher wollen wähnen, der Glaube sei dieses, daß ich wisse oder gehört habe die Historie von Christo; darum lehren sie, ich könne wohl glauben, ob ich gleich in Todsünden sei. Darum, von dem rechten christlichen Glauben, davon Paulus an allen Orten so oft redet, daß wir durch den Glauben vor Gott fromm werden, da wissen oder reden sie gar nichts von. Denn welche vor Gott heilig und gerecht geachtet werden, die sind je nicht in Todsünden. Darum, der Glaube, welcher vor Gott fromm und gerecht macht, ist nicht allein dieses, daß ich wisse die Historie, wie Christus geboren, gelitten usw. (das wissen die Teufel auch), sondern ist die Gewissheit oder das gewisse, starke Vertraün im Herzen, da ich mit ganzem Herzen die Zusage Gottes für gewiss und wahr halte, durch welche mir angeboten wird ohne mein Verdienst Vergebung der Sünden, Gnade und alles Heil durch den Mittler Christum. Und damit daß niemand wähne, es sei allein ein blosses Wissen der Historie, so setze ich das dazu: Der Glaube ist, daß sich mein ganzen Herz desselben Schatzes annimmt, und ist nicht mein Tun, nicht mein Schenken noch Geben, nicht mein Werk oder Bereiten; sondern daß ein Herz sich des tröstet und ganz darauf verlässt, daß Gott uns schenkt, uns gibt, und wir ihm nicht, daß er uns mit allem Schatz der Gnade in Christo überschüttet.

49] Aus diesem ist leicht zu merken Unterschied zwischen dem Glauben und zwischen der Frömmigkeit, die durchs Gesetz kommt. Denn der Glaube ist ein solcher Gottesdienst und latria, da ich mir schenken und geben lasse. Die Gerechtigkeit aber des Gesetzes ist ein solcher Gottesdienst, der da Gott anbietet unserer Werke. So will Gott nun durch den Glauben also geehrt sein, daß wir von ihm empfangen, was er verheisst und anbietet.

50] Daß aber der Glaube nicht allein sei die Historie wissen, sondern der da festhält die göttlichen Verheissungen, zeigt Paulus genugsam an, der da sagt zu den Römern am 4, 16: "Derhalben muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf daß die Verheissung fest bleibe." Da heftet und verbindet Paulus die zwei also zusammen, daß, wo Verheissung ist, da muss auch Glaube sein usw.; und wiederum correlative, wo Verheissung ist, da fordert Gott auch Glauben. 51] Wiewohl noch klarer und schlechter zu zeigen ist, was der Glaube, der da gerecht macht, sei, wenn wir unser eigen Credo und Glauben ansehen. Denn im Symbolo steht je dieser Artikel: Vergebung der Sünden. Darum ist’s nicht genug, daß ich wisse oder glaube, daß Christus geboren ist, gelitten hat, auferstanden ist, wenn wir nicht auch diesen Artikel, darum das alles endlich geschehen, glauben, nämlich: Ich glaube, daß mir die Sünden vergeben seien. Auf den Artikel muss das andere alles gezogen werden, nämlich, daß um Christus’ willen, nicht um meines Verdienstes willen, uns die Sünden vergeben werden. 52] Denn was wäre not, daß Gott Christum für unsere Sünden gäbe, wenn unser Verdienst für unsere Sünden könnte genugtun?

53] Derhalben, so oft wir reden von dem Glauben, der gerecht macht, oder fide iustificante, so sind allezeit diese drei Stücke oder obiecta beieinander: erstlich, die göttliche Verheissung, zum andern, daß dieselbe umsonst, ohne Verdienst Gnade anbietet, für das dritte, daß Christi Blut und Verdienst der Schatz ist, durch welchen die Sünde bezahlt ist. Die Verheissung wird durch den Glauben empfangen; daß sie aber ohne Verdienst Gnade anbietet, da geht alle unsere Würdigkeit und Verdienst unter und zu Boden, wird gepriesen die Gnade und große Barmherzigkeit. Das Verdienst Christi aber ist der Schatz; denn es muß je ein Schatz und edles Pfand sein, dadurch die Sünden aller Welt bezahlt sind. 54] Die ganze Schrift, Alten und Neün Teftaments, wenn sie von Gott und Glauben redet, braucht viel dieses Wortes: Güte, Barmherzigkeit, misericordia. Und die heiligen Väter in allen ihren Büchern sagen alle, daß wir durch Gnade, durch Güte, durch Vergebung selig werden. 55] Sooft wir nun das Wort Barmherzigkeit in der Schrift oder in den Vätern finden, follen wir wissen, daß da vom Glauben gelehrt wird, der die Verheißung solcher Barmherzigkeit faßt. Wiederum, sooft die Schrift vom Glaube redet, meint sie den Glauben, der auf lauter Gnade baut; 56] denn der Glaube nicht darum vor Gott fromm und gerecht macht, daß er an ihm selbst unser Werk und unser ist, sondern allein darum, daß er die verheißene, angebotenen Gnade ohne Verdienst aus reichem Schatz geschenkt nimmt.

57] Und solcher Glaube und Vertraün auf Gottes Barmherzigkeit wird als der größte, heiligste Gottesdienst gepriesen, sonderlich in propheten und Psalmen. Denn wiewohl das Gesetz nicht vornehmlich predigt Gnade und Vergebung der Sünden wie das Evangelium, so sind doch die Verheißungen von dem künftigen Christo von einem Patriarchen auf den andern geerbt, und [sie] haben gewußt, auch geglaubt, daß Gott durch den gebenedeiten Samen, durch Christum, wollte Segen, Gnade, Heil und Trost geben. Darum, so sie verstanden, daß Christus sollte der Schatz sein, dadurch unsere Sünden bezahlt werden, haben sie gewußt, daß unsere Werke eine solche große Schuld nicht bezahlen könnten. Darum haben sie Vergebung der Sünden, Gnade und Heil ohne alles Verdienst empfangen und sind durch den Glauben an die göttliche Verheißung, an das Evangelium von Christo, selig geworden als wohl als wir oder die Heiligen im Neün Testament. 58] Daher kommt’s, daß diese Worte: Barmherzigkeit, Güte, Glaube, so oft in Psalmen und Propheten wiederholt werden. Als im 130. Psalm: "So du willst, Her, achthaben auf Missetat, Her, wer wird bestehen?" Da bekennt David seine Sünde, rühmt nicht viel Verdienst, sagt auch weiter: "Denn bei dir ist Vergebung, daß man sich fürchte." Da fühlt er wieder Trost und verläßt sich auf Gnade und Barmherzigkeit, verläßt sich auf die göttliche Zusage und spricht: "Meine Seele harret des Hern, Und ich warte auf sein Wort." Und aber[mals]: "Meine Seele wartet doch auf den Hern." Das ist, dieweil du verheißen hast Vergebung der Sünden, so halte ich mich an die ZUsage, so verlasse und wage ich nicht auf die gnädige Verheißung. 59] Darum werden die heiligen Patriarchen vor Gott fromm und heilig auch nicht durchs Gesetz, sondern durch Gottes Zusage und den Glauben. Und sollte wahrlich jedermann sich hoch verwundern, warum die Wiudersacher doch so wenig oder gar nichts vom Glauben lehren, so sie doch sehen gar nahe in allen Syllaben der Bibel, daß der Glaube für den allerhöchsten, edelsten, heiligsten, größten, angenehmsten, besten Gottesdienst gelobt und gepriesen wird, Also sagt er in 50. Psalm: "Rufe mich an in der Zeit der Not, und ich will dich erretten." 60] Also nun und durch diese Weise will Gott uns bekannt werden. Also will er geehrt sein, daß wir von ihm Gnade, Heil, alles Gute nehmen und empfangen sollen, und nämlich aus Gnaden, nicht um unsers Verdienstes willen. Diese Erkenntnis ist gar eine edle Erkenntnis und ein großmächtiger Trost in allen Anfechtungen, leiblichen und geistlichen, es komme zu sterben oder zu leben, wie fromme Herzen wissen; und denselben edeln, teürn, gewissen Trost rauben und nehmen die Widersacher den armen Gewissen, wenn sie vom Glauben so kalt, so verächtlich reden und lehren und dagegen mit Gott, der hohen Majestät, durch unser elend, bettelisch Werk und Verdienst handeln.
 
 

Daß der Glaude an Christum gerecht macht.

61] Für das erste, daß niemand gedenke, wir reden von einem schlechten Wissen oder Erkenntnis der Historie von Christo, so müssen wir erstlich Sagen, wie es zugeht, wie ein Herz anfängt zu glauben, und wie es zum Glauben kommt. Danach wollen wir anzeigen, daß derselbe Glaube vor Gott fromm macht, und wie das zu verstehen sei, und wollen der Widersacher Gründe eigentlich klar und gewiss ablehnen. 62] Christus befiehlt Lucä am letzten, zu predigen "Busse und Vergebung der Sünden". Das Evangelium auch straft alle Menschen, daß sie in Sünden geboren seien, und daß sie alle schuldig des ewigen Zorns und Todes seien, und bietet ihnen an Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit durch Christum. Und dieselbe Vergebung, Versöhnung und Gerechtigkeit wird durch den Glauben empfangen. Denn die Predigt von der Busse oder diese Stimme des Evangelii: "Bessert euch, tut Busse", wenn sie recht in der Herzen geht, erschreckt sie die Gewissen und ist nicht ein Scherz, sondern ein gross Schrecken, da das Gewissen seinen Jammer und Sünde und Gottes Zorn fühlt. In dem Erschecken sollen die Herzen wieder Trost suchen. Das geschieht, wenn sie glauben an die Verheissung von Christo, daß wir durch ihn Vergebung der Sünden haben. Der Glaube, welcher in solchem Zagen und Schrecken die Herzen wieder aufrichtet und tröstet, empfängt und empfindet Vergebung der Sünden, macht gerecht und bringt Leben; denn derselbe starke Trost ist eine neü Geburt und ein neu Leben. 63] Dieses ist je einfältig und klar geredet; so wissen fromme Herzen, daß es also ist; so sind die Exempel, daß es mit allen Heiligen so gegangen von Anbeginn, in der Kirche vorhanden, wie an der Bekehrung Pauli und Augustini zu sehen ist. Die Widersacher haben nichts Gewisses, können nirgend recht sagen oder verständlich davon reden, wie der Heilige Geist gegeben wird. Die erdichten ihnen eigene Träume, daß durch schlecht leiblich Empfangen und Brauchen der Sakramente, ex opere operato, die Leute Gnade erlangen und den Heiligen Geist empfangen, wennschon das Herz gar nicht dabei ist; gleich als sei das Licht des Heiligen Geistes so ein schlecht, schwach, nichtig Ding.

64] So wir aber von einem solchen Glauben reden, welcher nicht ein müssiger Gedanke ist, sondern ein solch neüs Licht, Leben und Kraft im Herzen, welche Herz, Sinn und Mut verneürt, einen andern Menschen und neü Kreatur aus uns macht, nämlich ein neüs Licht und Werk des Heiligen Geistes: so versteht ja männiglich, daß wir nicht von solchem Glauben reden, dabei Todsünde ist, wie die Widersacher vom Glauben reden. Denn wie will Licht und Finsternis beieinander sein? Denn der Glaube, wo er ist, und dieweil er da ist, gebiert er gute Früchte, wie wir danach sagen wollen. 65] Dieses ist je mit klaren, deutlichen, einfältigen Worten geredet, wie es zugeht, wenn ein Sünder recht sich bekehrt, was die neü Geburt sei oder nicht sei. Trotz [sei] nun geboten alle den Sententiariis, ob sie unter den unzähligen Rommenten, Glossen und Skribenten über Sententiarum [des Petrus Lombardus] einen können vorbringen, der ein Wörtlein, einen Tüttel recht davon setzt, wie es zugeht, wenn ein Sünder bekehrt wird. 66] Wenn sie von der Liebe reden, oder wenn sie von ihrem habitu dilectionis reden, so bringen sie wohl ihre Träume vor, daß denselben habitum die Leute verdienen durch ihre Werke, reden aber gar nichts von Gottes Verheissung oder Wort, wie auch zu dieser Zeit die Wiedertäufer lehren. 67] Nun kann man mit Gott doch je nicht handeln, so lässt sich Gott nicht erkennen, suchen noch fassen denn allein im Wort und durchs Wort, wie Paulus sagt: "Das Evangelium ist eine Kraft Gottes allen, die daran glauben." Item, zu den Römern am 10: "Der Glaube ist aus dem Gehör." Und aus dem allein sollte je klar genug sein, daß wir allein durch den Glauben vor Gott fromm werden. Denn so wir allein durchs Wort Gottes zu Gott kommen und gerecht werden, und das Wort kann niemand fassen denn durch den Glauben, so folgt, daß der Glaube gerecht macht. 68] Doch sind andere Ursachen, die sich zu dieser Sache besser reimen. Dieses habe ich bisher gesagt, daß ich anzeige, wie es zugeht, wie wir neugeboren werden, und daß man verstehen möchte, was der Glaube ist oder nicht ist, davon wir reden.

69] Nun wollen wir anzeigen, daß derselbe Glaube, und sonst nichts, uns vor Gott gerecht macht. Und erstlich will ich dieses hier den Leser verwarnen, gleichwie dieser Spruch muss und soll stehenbleiben, und kann ihn niemand umstossen: Christus ist unser einiger Mittler, also kann auch diesen Spruch niemand umstossen: Durch den Glauben werden wir rechtfertig, ohne Werke. Denn wie will Christus der Mittler sein und bleiben, wenn wir nicht durch den Glauben uns an ihn halten als an den Mittler und also Gott versöhnt werden, wenn wir nicht gewiss im Herzen halten, daß wir um seinetwillen vor Gott gerecht geschätzt werden? Das heisst nun glauben: also vertraün, also sich getrösten des Verdienstes Christi, daß um seinetwillen Gott gewiss uns wolle gnädig sein. 70] Item, wie dieses klar in der Schrift ist, daß über das Gesetz zur Seligkeit not ist die Verheissung Christi, also ist auch klar, daß der Glaube gerecht macht; denn das Gesetz predigt nicht Vergebung der Sünden aus Gnaden. Item, das Gesetz können wir nicht erfüllen noch halten, ehe wir den Heiligen Geist empfangen. Darum muss das bestehen, daß zur Seligkeit die Verheissung Christi vonnöten ist. Dieselbe kann nun niemand fassen noch empfangen denn allein durch den Glauben. Darum diejenigen, so lehren, daß wir nicht durch den Glauben vor Gott gerecht und fromm werden, was tun die anders, denn daß sie Christum und das Evangelium unterdrücken und das Gesetz lehren?

71] Aber etliche, wenn man sagt, der Glaube macht rechtfertig vor Gott, verstehen solches vielleicht vom Anfang, nämlich daß der Glaube sei nur der Anfang oder eine Vorbereitung zu der Rechtfertigung, also daß nicht der Glaube selbst dafürgehalten werden soll, daß wir dadurch Gott gefallen und angenehm sind, sondern daß wir Gott angenehm sind von wegen der Liebe und Werke, so folgen, nicht von wegen des Glaubens. Und solche meinen der Glaube werde allein derhalben gelobt in der Schrift, daß er ein Anfang sei guter Werke, wie denn allezeit viel am Anfang gelegen ist. 72] Dies aber ist nicht unsere Meinung, sondern wir lehren also vom Glauben, daß wir durch den Glauben selbst vor Gott angenehm sind. Und nachdem das Wort iustificari auf zweierlei Weise gebraucht wird, nämlich, für bekehrt werden oder neugeboren, item, für gerecht geschätzt werden, wollen wir das erst anzeigen, daß wir allein durch den Glauben aus dem gottlosen Wesen bekehrt, neugeboren und gerecht werden.

73] Etliche fechten gross an das Wort SOLA, so doch Paulus klar sagt zu den Römern am 3, 28: "So halten wir nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke"; item, zu den Ephesern am 2, 8. 9: "Gottes Gabe ist es, nicht aus euch noch aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme"; item, zu den Römern am 3, 24 dergleichen. So nun dieses Wort und diese exclusiva SOLA etlichen so hart entgegen ist und so übel gefällt, die mögen an so vielen Orten in den Episteln Pauli auch diese Worte auskratzen: "aus Gnaden"; item: "nicht aus Werken"; item: "Gottes Gabe" usw.; item: "das sich niemand rühme" und dergleichen; denn es sind ganz starke exclusivae. Das Wort "aus Gnaden" schliesst Verdienst und alle Werke aus, wie die Namen haben. Und durch das Wort, SOLA, so wir sagen: "Allein der Glaube macht fromm", schliessen wir nicht aus das Evangelium und die Sakramente, daß darum das Wort und [die] Sakramente sollten vergeblich sein. So es der Glaube alles allein tut, wie die WIdersacher uns alles gefährlich deuten; sondern unser Verdienst daran schliessen wir aus. Denn wir haben oben genug gesagt, daß der Glaube durchs Wort kommt: So preisen wir das Predigtamt und Wort höher und mehr denn die Widersacher; 74] so sagen wir auch, die Liebe und Werke sollen dem Glauben folgen. Darum schliessen wir die Werke durchs Wort SOLA nicht also aus, daß sie nicht folgen sollten, sondern das Vertraün auf Verdienst, auf Werke, das schliessen wir aus und sagen, sie verdienen nicht Vergebung der Sünden. Und das wollen wir noch richtiger, heller und klarer zeigen.
 
 

Daß wir Vergebung der Sünden (allein) durch den Glauben an Christum erlangen.

75] Wir halten, die Widersacher müssen bekennen, daß vor allen Dingen zu der Rechtfertigung vonnöten sei Vergebung der Sünden. Denn wir sind alle unter der Sünde geboren. Darum so schliessen wir nun also:

76] Vergebung der Sünden erlangen und haben, dasselbe heisst vor Gott gerecht und fromm werden, wie der 32. Psalm sagt: "Wohl dem, dem die Übertretung vergeben ist." 77] Allein aber durch den Glauben an Christum, nicht durch die Liebe, nicht um der Liebe oder Werke willen, erlangen wir Vergebung der Sünden, wiewohl die Liebe folgt, wo der Glaube ist, Derhalben muss folgen, 78] daß wir allein durch den Glauben gerecht werden. Denn gerecht werden heisst ja, aus einem Sünder fromm werden und durch den Heiligen Geist neugeboren werden.

79] Daß wir aber allein durch den Glauben, wie die minor meldet, nicht durch die Liebe Vergebung der Sünden erlange, wollen wir jetzund klarmachen, Die Widersacher reden kindisch von diesen hohen Dingen; sie fragen, ob es einerlei Veränderung sei, Vergebung der Sünden und Eingiessung der Gnade, oder ob es zwei seien. Die müssigen, unerfahrenen Leute können doch gar nicht von diesen Sachen reden. Denn Sünde recht fühlen und Gottes Zorn, ist nicht so ein schlecht, schläfrig Ding. Wiederum, Vergebung der Sünden ergreifen ist nicht so ein schwacher Trost. Denn also sagt Paulus 1 Kor, 15, 56f.: "Der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Lob, der uns gibt Überwindung durch Jesum Christum, unsern Herrn." Das ist, die Sünde erschreckt das Gewissen, das geschieht durchs Gesetz, welches uns Gottes Ernst und Zorn zeigt wider die Sünde; aber wir liegen ob durch Christum. Wie geschieht das? Wenn wir glauben, wenn unsere Herzen wieder aufgerichtet werden und sich halten an die Verheissung der Gnade durch Christum. 80] So beweisen wir nun dieses also, daß wir durch den Glauben an Christum und nicht durch Werke Vergebung der Sünden erlangen. Nämlich Gottes Zorn kann nicht versöhnt noch gestillt werden durch unsere Werke, sondern allein Christus ist der Mittler und Versöhner, und um seinetwillen allein wird uns der Vater gnädig. Nun kann Christum niemand als einen Mittler fassen durch Werke, sondern allein, daß wir dem Wort glauben, welches ihn als einen Mittler predigt. Darum erlangen wir allein durch den Glauben Vergebung der Sünden, wenn unser Herz getröstet und aufgerichtet wird durch die göttliche Zusage, welche uns um Christus’ willen angeboten wird. 81] Item, Paulus zu den Römern am 5, 2: "Durch ihn haben wir einen Zugang zum Vater"; und sagt klar dazu: "durch den Glauben". Also werden wir nun, und nicht anders, dem Vater versöhnt, also erlangen wir Vergebung der Sünden, wenn wir aufgerichtet werden, festzuhalten, an der Zusage, da uns Gnade und Barmherzigkeit verheissen ist durch Christum. Die Widersacher, die verstehen dieses vom Mittler und Versöhner Christo also, daß Christus uns verdiene die Liebe oder den habitum dilectionis, und sagen nicht, daß wir ihn als einen einigen Mittler brauchen müssen, sondern stecken Christum wieder ins Grab, erdichten ein anderes, als hätten wir einen Zutritt durch unsere Werke, item, als verdienten wir durch Werke den habitum und könnten danach durch die Liebe zu Gott kommen. Das heisst je Christum wieder ins Grab stecken und die ganze Lehre von Glauben wegnehmen. Dagegen aber lehrt Paulus klar, daß wir einen Zutritt haben, das ist, Versöhnung Gottes, durch Christum. Und daß er anzeige, wie dasselbe geschehe, so setzt er dazu: "Durch den Glauben haben wir den Zutritt, durch den Glauben empfangen wir Vergebung der Sünden aus dem Verdienst Christi", und können Gottes Zorn nicht stillen denn durch Christum. So ist leicht zu verstehen, daß wir nicht Vergebung verdienen durch unsere Werke oder Liebe.

82] Zum andern ist’s gewiss, daß die Sünden vergeben werden um des Versöhners Christi willen, Röm. 3, 25: "Welchen Gott dargestellet hat zu einem Gnadenstuhl" oder zu einem Versöhner, und setzt klar dazu: "durch den Glauben". So wird uns der Versöhner nun also nütz, wenn wir durch den Glauben fassen das Wort, dadurch verheissen wird Barmherzigkeit, und dieselbe halten gegen Gottes Zorn und Urteil. Und dergleichen steht geschrieben Hebr. am 4, 14. 16: "Wir haben einen Hohenpriester, Christum usw. Lasst uns zu ihm treten mit Freudigkeit." Er heisst uns zu Gott treten, nicht im Vertraün unserer Werke, sondern im Vertraün auf den Hohenpriester Christum; derhalben fordert er je klar den Glauben.

83] Für das dritte, Petrus in Geschichten der Apostel am 10, 43 sagt: "Dem Jesu geben Zeugnis alle Propheten, daß wir Vergebung der Sünden durch seinen Namen erlangen sollen, alle, die in ihn glauben." Wie hätte doch Petrus klarer können reden? Er sagt: "Vergebung der Sünden empfangen wir durch seinen Namen", das ist, durch ihn erlangen wir sie, nicht durch unser Verdienst, nicht durch unsere Reü oder Attrition, nicht durch unsere Liebe, nicht durch eigenen Gottesdienst, nicht durch eigene Menschensatzung oder Werke, und setzt dazu: "wo wir in ihn glauben". Derhalben will er, daß ein Glaube im Herzen sei, darum sagt er: es zeugen mit einem Munde von dem Christo alle Propheten. Das, meine ich, heisst recht die christliche Kirche oder katholische Kirche allegiert. Denn wenn alle heiligen Propheten zeugen, das ist je ein herrlich, gross trefflich, stark Dekret und Zeugnis. Aber von dem Spruch wollen wir drunten weiter reden.

84] Zum vierten, Vergebung der Sünden ist verheissen um Christus’ willen. Darum kann sie niemand erlangen denn allein durch den Glauben. Denn die Verheissung kann man nicht fassen noch derselben teilhaftig werden denn allein durch den Glauben. Röm. 4, 16: "Derhalben muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf daß sie sei aus Gnaden und die Verheissung fest bleibe." Gleich als sollte er sagen: so unser Heil und Gerechtigkeit auf unserm Verdienst stünde, so wäre die Verheissung Gottes immer noch ungewiss und wäre uns unnütz; denn wir können nimmer des gewiss sein, wann wir genug verdient hätten. Und dieses verstehen fromme Herzen und christliche Gewissen fast [sehr] wohl, nähmen nicht tausend Welten, daß unser Heil auf uns stünde. Damit stimmt Paulus zu den Galatern: "Gott hat alles unter die Sünde beschlossen, daß die Verheissung aus dem Glauben Jesu Christi den Gläubigen widerfahre." Da stösst Paulus all unser Verdienst danieder; denn er sagt, wir sind alle schuldig des Todes und unter der Sünde beschlossen; und gedenkt der göttlichen Zusage, dadurch wir allein Vergebung der Sünden erlangen, und setzt noch weiter dazu, wie wir der Verheissung teilhaftig werden, nämlich durch den Glauben. Und dieser Grund, dieses Argument, da Paulus aus Art und Natur der göttlichen Verheissung schliesst, nämlich also: So Gottes Verheissung gewiss sein und feststehen soll, wie sie nicht fehlen kann, so muss Vergebung der Sünden nicht aus unserm Verdienst sein, sonst wäre sie ungewiss, und [wir] wüssten nicht, wann wir genug verdient hätten: ja, dies Argument, sage ich, und der Grund ist ein rechter Fels und fast das Stärkste im ganzen Paulo und wird gar oft erholt [wiederholt] und angezogen in allen Episteln. Es wird auch nimmermehr auf Erden ein Mensch etwas trachten und dichten oder erdenken, dadurch der einige Grund allein, wenn sonst nichts wäre, möge umgestossen werden. 85] Es werden auch fromme Herzen und christliche Gewissen sich in keinem Weg lassen hievon abführen, nämlich, daß wir allein durch den Glauben, um Christus’ Verdienstes willen Vergebung der Sünden haben. Denn da haben sie einen gewissen, starken, ewigen Trost wider die Sünde, Teufel, Tod, Hölle. Das andere alles ist ein Sandgrund und besteht nicht in Anfechtungen.

86] So wir nun allein durch den Glauben Vergebung der Sünden erlangen und den Heiligen Geist, so macht allein der Glaube vor Gott fromm. Denn diejenigen, so mit Gott versöhnt sind, die sind vor Gott fromm und Gottes Kinder, nicht um ihrer Reinigkeit willen, sondern um Gottes Barmherzigkeit willen, so sie dieselbe fassen und ergreifen durch den Glauben. Darum zeugt die Schrift, daß wir durch den Glauben vor Gott fromm werden. So wollen wir nun Sprüche erzählen, welche klar melden, daß der Glaube fromm und gerecht mache, nicht derhalben, daß unser Glauben ein solch köstlich, rein Werk sei, sondern allein derhalben, daß wir durch [den] Glauben und sonst mit keinem Dinge die angebotene Barmherzigkeit empfangen.

87] Paulus in der Epistel zu den Römern handelt vornehmlich dieses Stück, wie ein Mensch vor Gott fromm werde, und beschliesst, daß alle die da glauben, daß sie durch Christum einen gnädigen Gott haben, ohne Verdienst durch den Glauben vor Gott fromm werden. Und diesen gewaltigen Beschluss, diese Proposition, in welcher gefasst ist die Hauptsache der ganzen Episteln, ja der ganzen Schrift, setzt er im dritten Kapitel mit dürren, klaren Worten also: "So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben", Röm. 3, 28. Da wollen die Widersacher sagen, Paulus habe ausgeschlossen allein die jüdischen Zeremonien, nicht andere tugendliche Werke. Aber Paulus redet nicht allein von Zeremonien, sondern eigentlich gewiss redet er auch von allen andern Werken und von dem ganzen Gesetze oder zehn Geboten. Denn im 7. Kapitel hernach zieht er an den Spruch aus den zehn Geboten: "Lass dich nicht gelüsten!" Und so wir durch andere Werke, welche nicht jüdische Zeremonien wären, konnten Vergebung der Sünden erlangen und dadurch Gerechtigkeit verdienen, was wäre denn Christus und seine Verheissung vonnöten? Da läge schon danieder alles, was Paulus von der Verheissung an so viel Orten redet. So schriebe auch Paulus unrecht zu den Ephesern, da er sagt Eph. 2, 8: "ohne Verdienst, umsonst seid ihr selig worden; denn Gottes Gabe ist’s, nicht aus Werken." Item, Paulus zieht an in der Epistel zu den Römern Abraham und David. Dieselben hatten einen Befehl und Gottes Gebot von der Beschneidung. So nun irgendein Werk vor Gott fromm machte, so müssten je die Werke, die dazumal Gottes Befehl hatten, auch gerecht und fromm gemacht haben. Aber Augustinus, der lehrt klar, daß Paulus von dem ganzen Gesetz rede, wie er denn nach der Länge solches disputiert De Spiritu et Litera, "Von dem Geist und Buchstaben", da er zuletzt sagt: "So wir nun dieses Stück nach [dem] Vermögen, das Gott verliehen hat, bewogen [erwogen] und gehandelt haben, so schliessen wir, daß kein Mensch fromm wird durch Gebote eines guten Lebens, sondern durch den Glauben Jesu Christi."

88] Und das niemand denken darf, als sei Paulo dieses Wort ("der Mensch wird gerecht allein durch den Glauben") entfahren, so führt er das nach der Länge aus im 4. Kapitel zu den Römern und erholt solches in allen seinen Episteln. 89] Denn also sagt er am 4. Kapitel: "Dem, der mit Werken umgehet, wird der Lohn nicht aus Gnaden zugerechnet, sondern aus Pflicht; dem aber, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit." So ist’s nun aus den Worten klar, daß der Glaube das Ding und das Wesen ist, welches er Gottes Gerechtigkeit nennt, und setzt dazu, sie werde aus Gnaden zugerechnet, und sagt, sie könnte uns aus Gnaden nicht zugerechnet werden, so Werke oder Verdienst da wären. Darum schliesst er gewisslich aus alles Verdienst und alle Werke nicht allein jüdischer Zeremonien, sondern auch alle andern guten Werke. Denn so wir durch dieselben Werke fromm würden vor Gott, so würde uns der Glaube nicht gerechnet zur Gerechtigkeit ohne alle Werke, wie doch Paulus klar sagt. 90] Und hernach spricht er: "und wir sagen, daß Abraham sein Glaube ist gerechnet zur Gerechtigkeit." 91] Item, Kap. 5, 1: "Nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christ", das ist, wir haben fröhliche, stille Gewissen vor Gott. 92] Röm. 10, 10: "So man von Herzen glaubt, so wird man gerecht." Da nennt er den Glauben die Gerechtigkeit des Herzens. 93] Zu den Galatern am 2, 16: "So glauben wir auch an Christum Jesum auf daß wir gerecht werden durch den Glauben an Christum und nicht durch’s Gesetzes Werke." Eph. 2, 8: "Denn aus Gnaden seid ihr selig worden durch den Glauben, und dasselbige nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus den Werken, auf daß sich niemand rühme."

94] Joh. 1, 12: "Denen gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, die da an seinen Namen glauben, welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches noch von dem WIllen des Mannes, sondern von Gott geboren sind." 95] Johannes am 3, 14.15: "Wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also muss des Menschen Sohn auch erhöhet werden, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden." 96] Item V. 17: "Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet."

97] Act. 13, 38.39: "So sei es nun euch kund, liebe Brüder, daß euch verkündigt wird Vergebung der Sünden und von dem allem, durch welches ihr nicht konntet im Gesetz Mosis gerecht werden. Wer aber an diesen glaubet, der ist gerecht." Wie hätte er doch klarer reden können von dem Reich Christi und von der Rechtfertigung? Er sagt, das Gesetz habe nicht können jemand gerecht machen, und sagt, darum sei Christus gegeben, daß wir glauben, daß wir durch ihn gerecht werden. Mit klaren Worten sagt er: Das Gesetz kann niemand gerecht machen. Darum wird uns durch Christum Gerechtigkeit zugerechnet, wenn wir glauben, daß uns Gott durch ihn gnädig ist. 98] Act. 4, 11.12: "Das ist der Stein, von euch Bauleuten verworfen, der zum Eckstein worden ist; und ist in keinem andern Heil, und ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden." An den Namen aber Christi kann ich nicht andern glauben, denn daß ich höre predigen das Verdienst Christi und solches fasse. Derhalben durch Glauben an den Namen Christi und nicht durch Vertraün auf unsere Werke werden wir selig. Denn das Wort "Name" an dem Ort bedeutet Ursache, dadurch und darum das Heil kommt. Darum den Namen Christi rühmen oder bekennen ist als viel, als vertraün auf den, der Christus allein ist und heisst, daß der causa meines Heils und Schatzes sei, dadurch ich erlöst bin. 99] Act. 15, 9: "Durch den Glauben reinigte er ihre Herzen." Darum ist der Glaube, da die Apostel von reden, nicht eine schlechte Erkenntnis der Historie, sondern ein stark, kräftig Werk des Heiligen Geistes, das die Herzen verändert.

100] Hab. 2, 4: "Der Gerechte lebt seines Glaubens." Da sagt er erstlich, daß der Gerechte durch den Glauben gerecht wird, so er glaubt, daß Gott durch Christum gnädig sei. Zum andern sagt er, daß der Glaube lebendig macht. Denn der Glaube bringt allein den Herzen und Gewissen Frieden und Freude und das ewige Leben, welches hier in diesem Leben anfängt.

101] Jes. 53, 11: "Seine Erkenntnis wird viele gerecht machen." Was ist aber die Erkenntnis, Christi, denn seine Wohltaten kennen und seine Verheissungen, die er in die Welt hat gepredigt und predigen lassen? Und die Wohltaten kennen, das heisst an Christum wahrlich glauben, nämlich glauben das, was Gott durch Christum verheissen hat, daß er das gewiss geben wolle.

102] Aber die Schrift ist voll solcher Sprüche und Zeugnisse. Denn diese zwei Stücke handelt die Schrift: Gesetz Gottes und Verheissung Gottes. Nun reden die Verheissungen von Vergebung der Sünden und Gottes Versöhnung durch Christum.

103] Und bei den Vätern findet man auch viel der Sprüche. Denn auch Ambrosius zu Irenäo schreibt: "Die ganze Welt aber wird darum Gott untertan, unterworfen durchs Gesetz; denn durch das Gebot des Gesetzes werden wir alle angeklagt, aber durch die Werke des Gesetzes wird niemand gerecht. Denn durch das Gesetz wird die Sünde erkannt, aber die Schuld wird aufgelöst durch den Glauben; und es scheint wohl, als hätte das Gesetz Schaden getan, denn es alle zu Sündern gemacht hat; aber der Herr Christus ist gekommen und hat uns die Sünde, welche niemand konnte meiden, geschenkt und hat die Handschrift durch Vergiessen seines Bluts ausgelöscht. Und das ist, das Paulus sagt zu den Römern am 5, 20: ‘Die Sünde ist mächtig worden durchs Gesetz, aber die Gnade ist noch mächtiger worden durch Jesum.’ Denn dieweil die ganze Welt ist schuldig worden, so hat er der ganzen Welt Sünde weggenommen, wie Johannes zeugt: ‘Siehe, das ist das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde wegnimmt.’ Und darum soll niemand seiner Werke sich rühmen; denn durch sein eigen Tun wird niemand gerecht; wer aber gerecht ist, dem ist’s geschenkt in der Taufe in Christo, da er ist gerecht worden. Denn der Glaube ist’s, der uns losmacht durch das Blut Christi, und wohl dem, welchem die Sünde vergeben wird und Gnade widerfähret." 104] Diese sind Ambrosii klare Worte, die doch ganz öffentlich mit unsere Lehre auch stimmen. Er sagt, daß die Werke nicht gerecht machen, und sagt, daß der Glaube uns erlöse durch das Blut Christi. 105] Wenn man alle Sententiarios über einen Haufen zusammenschmelzte, die doch grosse Titel führen, denn etliche nennen sie engelisch, angelicos, etliche subtiles, etliche irrefragabiles, das ist, Doctores, die nicht irren können, und wenn man sie alle läse, so würden sie alle miteinander nicht so nütze sein, Paulum zu verstehen, als der einige Spruch Ambrosii. [Thomas Aquinas wurde Doctor angelicus genannt; Duns Scotus Doctor subtilis; Alexander Halesius Doctor irrefragabilis; Bonaventura Doctor seraphicus. Die Kommentatoren des Petrus Lombardus hiessen Sententiarii.]

106] Auf die Meinung hat auch Augustinus viel wider die Pelagianer geschrieben, und De Spiritu et Litera sagt er also: "Darum wird uns das Gesetz und seine Gerechtigkeit vorgehalten, daß, wer sie tut, dadurch lebe, und daß ein jeder, so er seine Schwachheit erkennt, zu Gott, welcher allein gerecht macht, komme, nicht durch seine eigenen Kräfte noch durch den Buchstaben des Gesetzes, welchen wir nicht erfüllen können, sondern durch den Glauben. Ein recht gut Werk kann niemand tun, denn der zuvor selbst gerecht, fromm und gut sei; Gerechtigkeit aber erlangen wir allein durch den Glauben." Da sagt er klar, daß Gott, welcher allein seligt und heiligt, durch den Glauben versöhnt wird, und daß der Glaube uns vor Gott fromm und gerecht macht. Und bald hernach: "Aus dem Gesetz fürchten wir Gott, durch den Glauben hoffen und vertraün wir in Gott. Die aber die Strafe fürchten, denen wird die Gnade verborgen, unter welcher Furcht, wenn ein Mensch in Angst ist usw., soll er durch den Glauben fliehen zu der Barmherzigkeit Gottes, daß er dasjenige gebe, dazu Gnade verleihe, das er im Gesetz gebietet." Da lehrt er, daß durch das Gesetz die Herzen geschreckt werden und durch den Glauben wieder Trost empfangen.

107] Es ist wahrlich Wunder, daß die Widersacher können so blind sein und so viel klare Sprüche nicht ansehen, die da klar melden, daß wir durch den Glauben gerecht werden und nicht aus den Werken. Wo denken doch die armen Leute hin? 108] Meinen sie, daß die Schrift ohne Ursache einerlei so oft mit klaren Worten erholt [wiederholt]? Meinen sie, daß der Heilige Geist sein Wort nicht gewiss und bedächtlich setze oder nicht wisse, was er rede? 109] Darüber haben die gottlosen Leute eine sophistische Glosse erdichtet und sagen, die Sprüche der Schrift, so sie vom Glauben reden, sind von fide formata zu verstehen. Das ist, sie sagen: Der Glaube macht niemand fromm oder gerecht denn um der Liebe oder Werke willen. Und in Summa, nach ihrer Meinung so macht der Glaube niemand gerecht, sondern die Liebe allein. Denn sie sagen, der Glaube könne neben einer Todsünde sein. 110] Was ist das anders, denn alle Zusage Gottes und Verheissung der Gnade umgestossen und das Gesetz und Werke gepredigt? So der Glaube Vergebung der Sünden und Gnade erlangt um der Liebe willen, so wird die Vergebung der Sünden allezeit ungewiss sein. Denn wir lieben Gott nimmer so vollkömmlich, als wir sollten. Ja, wir können Gott nicht lieben, denn das Herz sei erst gewiss, daß ihm die Sünden vergeben seien. Also, so die Widersacher lehren auf [die] Liebe Gottes [zu Gott], die wir vermögen, und eigene Werke vertraün, stossen sie das Evangelium, welches Vergebung der Sünden predigt, gar zu Boden, so doch die Liebe niemand recht haben noch verstehen kann, er glaube denn, daß wir aus Gnaden, umsonst Vergebung der Sünden erlangen durch Christum.

111] Wir sagen auch, daß die Liebe dem Glauben folgen soll, wie Paulus sagt: "In Christo Jesu ist weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern der Glaube, welcher durch die Liebe wirkt." 112] Man soll aber darum auf die Liebe nicht vertraün noch baün, als erlangten wir um der Liebe willen oder durch die Liebe Vergebung der Sünden und Versöhnung Gottes, gleichwie wir nicht Vergebung der Sünden erlangen um anderer Werke willen, die da folgen, sondern allein durch den Glauben, Denn die Verheissung Gottes kann niemand durch Werke fassen, sondern allein mit dem Glauben. 113] Und der Glaube eigentlich oder fides proprie dicta ist, wenn mir mein Herz und der Heilige Geist im Herzen sagt, die Verheissung Gottes ist wahr und ja; 114] von demselben Glauben redet die Schrift. Und dieweil der Glaube, ehe wir etwas tun oder wirken, nur ihm schenken und geben lässt und empfängt, so wird uns der Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet wie Abraham, ehe wir lieben, ehe wir das Gesetz tun oder einig Werk. 115] Wiewohl es wahr ist, daß Früchte und Werke nicht aussen bleiben, und der Glaube ist nicht eine blosse, schlechte Erkenntnis der Historie, sondern ein neu Licht im Herzen und kräftig Werk des Heiligen Geistes, dadurch wir neugeboren werden, dadurch die erschrockenen Gewissen wieder aufgerichtet [werden] und Leben erlangen. 116] Und dieweil der Glaube allein Vergebung der Sünden erlangt und uns Gott angenehm macht, bringt er mit sich den Heiligen Geist und sollte billiger genannt werden gratia gratum faciens, das ist, die Gnade, die da angenehm macht, denn die Liebe, welche folgt.

117] Bisanher haben wir reichlich angezeigt aus Sprüchen der Väter und der Schrift, damit doch diese Sache gar klar würde, daß wir allein durch den Glauben Vergebung der Sünden erlangen um Christus’ willen, und daß wir allein durch den Glauben gerecht werden, das ist, aus Ungerechten fromm, heilig und neugeboren werden. 118] Fromme Herzen aber sehen hie und merken, wie ganz überaus hochnötig diese Lehre vom Glauben ist; denn durch sie allein lernt man Christum erkennen und seine Wohltaten, und durch die [diese] Lehre finden die Herzen und Gewissen allein rechte, gewisse Ruhe und Trost. 119] Denn soll eine christliche Kirche sein, soll ein Christenglaube sein, so muss je eine Predigt und Lehre darin sein, dadurch die Gewissen auf keinen Wahn noch Sandgrund gebaut werden, sondern darauf sie sich gewiss verlassen und vertraün mögen. Darum sind wahrlich die Widersacher untreü Bischöfe, untreü Prediger und Doctores, haben bisanher den Gewissen übel geraten und raten ihnen noch übel, daß sie solche Lehre führen, da sie die Leute lassen im Zweifel stecken, ungewiss schweben und hangen, ob sie Vergebung der Sünden erlangen oder nicht. Denn wie ist’s möglich, daß diejenigen in Todesnöten und letzten Zügen und Ëngsten bestehen sollten, die diese nötige Lehre von Christo nicht gehört haben oder nicht wissen, die da noch wanken und im Zweifel stehen, ob sie Vergebung der Sünden haben oder nicht? 120] Item, soll eine christliche Kirche sein, so muss je in der Kirche das Evangelium Christi bleiben, nämlich diese göttliche Verheissung, daß uns ohne Verdienst Sünden vergeben werden um Christus’ willen. Dasselbe heilige Evangelium drücken diejenigen gar unter, die von dem Glauben, davon wir reden, gar nichts lehren. 121] Nun lehren noch schreiben die Scholastici nicht ein Wort, nicht einen Tüttel vom Glauben, welches schrecklich ist zu hören. Denen folgen unsere Widersacher und verwerfen diese höchste Lehre vom Gl